Lebensgeschichten, Vorfahren

Lebensgeschichte, Mutter

Was ich von meiner Mutter erfuhr

Meine Mutter wurde zwei Jahre vor Ausbruch des 2. Weltkrieges, 1937 in Ostpreussen in der Stadt Königsberg – damals zu Deutschland gehörend – geboren. Heute gehört Königsberg zu Russland und heisst auch Kaliningrad. Mutter war die Älteste von 3 Kindern. Ihr Vater war Beamter bei der Polizei der Stadt. Ursprünglich stammte er aus Bayern. Dort erlernte er den Beruf des Schriftsetzers. Wie es damals nicht unüblich war, machte er sich nach abgeschlossener Lehre als Geselle auf die Reise. Als Geselle versucht man auf seinem Beruf eine bezahlte Arbeit auf Zeit zu finden. So kam mein Grossvater mütterlicherseits im Verlaufe seiner Reise in die Stadt Königsberg. Meine damals noch sehr junge Oma traf ihn im Stadtpark an und verliebte sich in ihn. Oma stammte aus einer Königsberger Familie und hatte so viel ich mitbekommen habe, eine Schwester, welche Opernsängerin war. Das Leben von Oma in der Grossstadt war nach den Beschreibungen meiner Mutter und später von Oma, sehr angenehm und vornehm. So erinnerte sich Oma daran, dass sie nie ohne weisse Handschuhe aus dem Haus ging. Dieses vornehme Leben wurde dann aber durch den Krieg, der dann im Jahre 1944 auch Königsberg nicht mehr verschonte abrupt abgebrochen. Königsberg wurde letztendlich zu einem grossen Teil zerbombt und von der Roten Armee Russlands eingenommen.

Die drei Mädchen und ihre Mutter wurden durch die vielen Bombenangriffe sehr verängstigt. Der Vater war schon seit längerer Zeit in den Krieg einbezogen worden und nur ganz selten und nur für kurze Zeit zu Hause. Die junge Mutter musste mit ihren kleinen Mädchen öfters in der Nacht, im Dunkeln, in den Keller hinunter gehen, um Schutz zu suchen.

Sie wurden auch innerhalb der Stadt zweimal für eine Zeit aus Sicherheitsgründen umgesiedelt. Wahrscheinlich hatte es Häuser mit besser ausgebauten Luftschutzkellern als beim Elternhaus meiner Mutter. Der Vater war bei diesen Umsiedlungen nicht dabei. Mutter und Kinder waren auf sich selbst gestellt. Über die Rolle der Grosseltern in dieser Zeit habe ich leider nichts erfahren.

An Weihnachten 1944 waren sie wieder zuhause und feierten. Halt wieder ohne Vater.

Bei den Erzählungen meiner Mutter kam die Wehmut darüber, als Kind ohne Vater gewesen sein zu müssen, oftmals stark zum Vorschein. Meine Mutter konnte dann in solchen Momenten nicht weitersprechen, weil ihr beim Erzählen die Tränen kamen.

Von dieser Weihnacht erzählte Mutter, dass ihre Mutti - also meine Oma - für die drei Schwestern je ein kleines Spielzeug auftreiben konnte. Meine Mama bekam einen Hampelmann an einer Turnstange und hatte riesig Freude daran. Nach dem Fest kam ihr Vater überraschenderweise für ein paar Tage nach Hause. Er war krank. Sie erinnerte sich, dass sie ihm voller Freude ihr Spielzeug zeigte. Sie war damals 7-jährig. Ihre Schwestern noch jünger. Die Lebensmittel waren längst rationiert. Butter ein Luxus und Süssigkeiten gar kein Thema. Offenbar konnte der Vater Butter auftreiben. Mutter erzählte mir, dass sie mit Vater zusammen Butterbrote assen und darauf etwas Salz streuten. Dies gab dann einen Geschmack, der an Fleisch, oder Käse erinnerte. Das kleine Mädchen hat dies bei ihrer Mutter abgeschaut und es war ihr ein grosses Vergnügen, ihren Papa mit solch geschmierten und zubereiteten Broten zu verwöhnen.

Grossvater, der als Soldat in der Nähe stationiert war, kam dann Ende Januar 1945 eines Abends ganz schnell nach Hause und sagte: «lhr müsst sofort Königsberg verlassen, die Russen kommen!» Die Nächte zuvor erlebte die Bevölkerung von Königsberg starke Bombenangriffe. «Macht schnell!» habe Grossvater gesagt. « lhr dürft nur das Nötigste mitnehmen.» Das hiess, schnell etwas zu essen einpacken und sich anzuziehen." Das kleine Mädchen Karin (meine Mutter) holte sofort ihren kleinen ,,Turner". Den wollte sie unbedingt auch mitnehmen. Aber es hiess: ,,den musst du hier lassen". Es gab Tränen. Schweren Herzens stellte Karin ihn ans Fenster und hoffte, ihn bald wieder zu sehen.

Dann ging alles sehr rasch. Draussen waren über 20 Grad unter Null. Oma wickelte jedes von den Mädchen in eine Wolldecke. Vater konnte einen Kollegen mit einem Auto auftreiben, um seine Lieben an den nächsten Hafen zu fahren. Er rechnete damit, dass sie ein Schiff mitnehmen würde. Unterwegs waren sie ständig unter Beschuss. Vater verabschiedete sich dann von ihnen mit den Worten, ,,in zwei bis drei Monaten ist alles vorbei, dann sehen wir uns wieder."

Mutters Geschichte

Mutter erzählt: (Auszüge aus ihrer selbst verfassten Biografie)

Wir hatten gar keine Zeit, uns richtig auf Wiedersehen zu sagen. Wir wurden bei eisiger Kälte, mit hunderten von Frauen und Kindern, in ein Frachtschiff geladen. Männer durften keine mit, ausser ganz alte. Es waren nur wenige Kilometer bis zur Ostsee. Dort stand der grosse Dampfer bereit zum Weiterfahren. Wir brauchten sehr lange, denn das Schiff stand ständig unter Beschuss. Wir mussten alle still sein und ohne Licht auskommen, damit die Tiefflieger uns möglichst nicht erkennen konnten. Es musste alles im Dunkeln geschehen. Als wir dann an der Ostsee ankamen, standen Tausende von Flüchtlingen da und jeder wollte mit dem grossen Schiff mitfahren, welches das erste Mal auslief. Es war randvoll bis auf die Treppe hinauf.

Meine Mutter hatte uns Kinder an einer Schnur zusammengebunden, damit wir nicht verloren gingen. Über uns waren immer die Flugzeuge und warfen Bomben ab. lch sah, dass meine Mutter anfing zu weinen. Es sah hoffnungslos aus, dass wir noch mitfahren konnten. Wir standen ganz nahe beim Schiff. Wir waren von der Grösse her betrachtet, nur ein kleiner Punkt, neben dem Schiff. Plötzlich stand vor uns ein Matrose und schaute uns an und sagte: Euch nehmen wir noch mit. Wir wurden durch die Masse von Leuten nach oben geschoben, und das Schiff fuhr ab. Es war für uns wie ein Traum. Doch wir mussten noch viel Schlimmes erleben. Unser Schiff musste fortwährend das Eis brechen. Viele versuchten zu Fuss oder mit Pferd und Wagen hinüber zu gehen. Doch sie brachen ein und ertranken.

Nach ein paar Tagen fing unser Schiff mächtig an zu wanken. Wir lagen alle wie Heringe auf den Schiffsböden und in den Kajüten. Die Erwachsenen ahnten, dass da etwas nicht stimmte. Es war ein unheimliches Gefühl. Alles hüllte sich in Schweigen. Doch dann war es wieder vorbei. Später wurde erzählt, dass das Schiff auf eine Miene gelaufen sei. Der Kapitän konnte es aber retten. Viel später erfuhren wir, dass es bei der nächsten Fahrt dann untergegangen war. Aber wir waren gerettet. Das Essen wurde immer knapper. Auch erlebten wir als Passagiere unseres Schiffes, wie ein anderes, sehr grosses Schiff unterging. (Welches der beiden von Mutter erwähnten Schiffen die legendäre Gustloff war, konnte ich nicht mit Sicherheit in Erfahrung bringen - Anm. Daniel-) Unsere Mannschaft konnte noch etliche Personen, die fast ertrunken waren, auf unser Schiff retten. Es wurden alle Wolldecken eingesammelt, um die Unterkühlten zu wärmen. Manche von ihnen hatten sich stundenlang an einer Eisscholle festgehalten. Wir konnten anschliessend das Schiff, nach einer guten Woche gesund verlassen und waren für den Moment gerettet.

Später kamen wir in ein Durchgangslager. Zum Glück bekamen wir als Familie ein Zimmer zugewiesen. Aber es dauerte nicht lange und die Russen kamen noch weiter ins Landesinnere hinein. Vorher jedoch wurden alle Magazine des Lagers durch die Verantwortlichen geleert. Alles Essbare wurde noch verteilt. Dies in der Vorahnung, dass die Russen auch hierhin kommen würden. Auch wir bekamen etwas ab davon. Mutter erinnerte sich, dass unter den verteilten Gütern auch Alkohol war. Doch Oma wollte davon nichts wissen und goss diesen aus, denn sie wusste, dass wenn dieser in die Hände der Russen fallen würde, sie nur noch um so schlimmer wüten würden.

Für uns als Familie begann eine schlimme Zeit. Wir waren auf einem Dachboden in einem Zimmer und hörten, wie draussen geschossen und geschrien wurde. Wir durften nicht durch das Fenster schauen, sonst wäre es um uns geschehen. Unsere Vermieterin, sie war schon alt, hatte unsere Türe auf dem Dachboden mit einer alten Matratze zugedeckt. Die Russen waren in alkoholisiertem Zustand in die Stadt einmarschiert und es spielten sich furchtbare Szenen ab. Wir sassen mit unserer Mutter ganz verängstigt auf dem Bett und hörten, wie sie das Haus durchsuchten, bis zu uns hoch. Aber sie gingen immer wieder herunter, denn die Türe war ja versteckt.

Meine Mutter hatte ihre Bernsteinkette und die Uhr bereitgelegt, damit sie den Männern etwas geben könnte, wenn sie hereinkämen. Sie sammelten alles zusammen, was für sie einen Wert hatte. Die russischen Soldaten verhielten sich oftmals sehr primitiv. Ganze Strassengräben waren voll von Velos, Uhren, Möbeln und anderem. Es wurde alles abtransportiert. Für uns gab es fast nichts mehr zu essen, trotz der Lebensmittelkarten. Ich musste mich mit Mutter abwechseln und drei bis sechs Stunden vor dem Bäckerladen, in riesigen Menschenschlangen, warten um Brot zu kaufen. Öfters wurde ich ohnmächtig in der Masse. Und wenn man dann fast zuvorderst war, hiess es: ,,Es ist alles verkauft!,, Dann ging es am nächsten Tag wieder von vorne los. Brot war für uns wichtiger als Butter. Die Butter- Ration, die es für einen Monat gab, verkaufte meine Mutter auf dem Schwarzmarkt, um für uns etwas mehr Brot kaufen zu können. Sie musste es dann für jeden Tag einteilen. Wenn sie fort ging, schärfte sie uns immer wieder ein: ,,lhr dürft kein Brot abschneiden!" sie hatte es natürlich schon gemerkt, dass es doch immer kürzer war, wenn sie wieder heim kam. lch schnitt immer ein Stück ab und es wurde jedes Mal ein schräger Schnitt. Dann wollte ich es gerade machen. Mutter konnte dafür nicht schimpfen, oder uns böse sein. Denn es tat ihr ja auch weh, dass wir hungern mussten. Sie verzichtete oftmals auf ihren Teil, damit wir etwas mehr hatten.

Mutter erinnert sich weiter:

In einer Nacht
hörten wir ein Pfeifen und Rascheln in der Schublade, dort wo das Brot lag. Dann mussten wir feststellen, dass die Ratten es gefunden hatten. Das gab dann eine grosse Jagd auf diese Viecher. Bevor wir unser Brot assen, formten wir drei Schwestern immer zuerst Figuren aus ihm. Es diente uns als Spielzeug, denn es war sehr teigig. Es wurde damals aus verschiedenen Arten und Mischungen von Mehl, Brot gebacken. Auch gemahlene Eicheln und Kastanien wurden dazu gemischt. Ich bekam von jemandem eine Stoffpuppe geschenkt. Meine Schwester bettelte sie mir ab, und da machte ich einen Handel mit ihr und sagte: ,,Wenn du mir heute Abend Dein Stück Brot gibst, kriegst Du die Puppe". Und so geschah es auch. Wir hatten nur die Kleider, die wir am Leibe trugen. Mutter schickte uns am Samstag jeweils ins Bett, um sie zu waschen, damit sie am Sonntag sauber waren.

Als dann im Mai 1945 der Krieg fertig war, taten wir uns als Kinder in der Nachbarschaft zusammen, um bei den Russen betteln zu gehen. Diese umgesiedelten Russen beschlagnahmten viele Häuser, um selbst darin zu wohnen. Der Hunger war gross. Ich hatte mit den anderen verabredet, alles zu teilen, was wir bekamen. Wir nahmen eine grosse Tasche mit. Einige Worte auf Russisch konnte ich bereits sagen. Eine russische Frau deutete mir einmal, mitzukommen. Sie machte eine grosse Schublade auf. Da waren lauter Brotreste drin. Die Tasche wurde voll. Dies war für mich wie ein Wunder. Meine Mutter machte dann zu Hause eine köstliche Brotsuppe daraus.

Ich erlebte auch lustige Sachen beim Betteln. Auf einem Hof kamen mir lauter rosarote Tierlein entgegen und fingen an zu quietschen. Ich bekam furchtbare Angst davor. Denn – in der Grossstadt aufgewachsen - hatte ich noch nie kleine Schweinchen gesehen. An einem anderen Ort, wo wir bettelten, war eine russische Frau, gerade am Kartoffeln waschen. Dies in einem WC mit Spülung. Offenbar war diese Frau nicht damit bewandert und vielleicht gerade erst aus Russland angekommen. Jedenfalls verschwanden die Kartoffeln und die Frau machte grosse Augen. Auch für die Russenfrauen war hier alles neu. Wir deutschen Kinder lachten und dies kam dann nicht so gut an. Wir mussten manchmal sehr früh schlafen gehen, hauptsächlich im Winter, denn es gab kein Brennmaterial. Geld besassen wir keines. So ergab es sich, dass sich unsere Kinderbande auch daran machte, Kohlen zu stehlen. Auf unseren Streifzügen hatten wir in der gleichen Tasche Briketts, Brot, Käse und Äpfel. Alles durcheinander. Zwischendurch konnte meine Mutti bei den Russen für etwas Essen arbeiten. Wir freuten uns dann immer, wenn sie ein Brot heimbrachte.

Von meinem Vater hatten wir zu unserem grossen Leidwesen nichts mehr gehört. Ich sprach in meiner Phantasie des Nachts, viel von ihm. Damit machte ich es meiner Mutter noch schwerer. Meine Mutter wurde eines Tages im September des gleichen Jahres von einer Nachbarin gerufen. Ich hörte, dass meine Mutti in lautes Weinen ausbrach. Sie kam dann nach einiger Zeit wieder hoch zu uns Kindern. In der Hand hielt sie die Brieftasche und den Ehering meines Papas. Sie erzählte uns, dass unser Vater zwei Tage vor dem Waffen-Stillstand in Königsberg von einer Bombe getroffen wurde. Ein Kollege hatte uns jetzt durch das Rote Kreuz gefunden und meiner Mutter diese Mitteilung machen können. Für mich brach eine Welt zusammen.

Nach drei Jahren in der DDR, fanden wir unsere Grosseltern. Sie waren einige Tage nach uns aus Königsberg geflüchtet. Sie gelangten auf einen Bauernhof in Nord-Deutschland. Es gelang ihnen, für uns eine Bewilligung zu besorgen, so dass wir zu ihnen umziehen konnten. Oma und Opa waren in einem kleinen Zimmer untergebracht. Vor dem Krieg wurde dort das Futter für die Schweine gekocht. Für uns war es furchtbar, dort zu leben. Sechs Personen auf neun Quadratmetern. Wir schliefen zuerst ein paar Wochen auf Stroh, welches wir jeden Tag beim Bauern holen mussten. Später gab es zwei übereinander gestellte Betten. von 50 cm Breite. Dort drinnen mussten wir zu zweit schlafen. Ein Kind, respektive die Mama hatte den Kopf am Fussende, die andere am Kopfende. Jeder musste die Füsse vom anderen festhalten, damit man nicht heraus fiel. Manchmal regnete es auch noch hinein und wir mussten eine Schüssel ins Bett stellen.

So lebten wir drei Jahre mit den Grosseltern in diesem Zimmer. Wir Mädchen konnten in dieser Ortschaft zur Schule gehen. Der Schulweg war sehr weit. Es gab damals Holzschuhe und unsere Füsse taten manchmal sehr weh. lm Sommer konnte man barfuss gehen und auch viel draussen sein. Aber der Winter war nicht so schön. Wir als Kinder durften kaum irgendwo auf dem Hof spielen. Der Bauer war böse auf alle, die er gezwungenermassen auf seinem Hof unterbringen musste. Es waren nebst uns, nochmals zwei Flüchtlingsfamilien dort. Die Leute, die den Krieg überlebten, mussten ihre Räume zur Verfügung stellen. Dies war Gesetz. Trotzdem waren besonders die Erwachsenen froh, nicht mehr in der DDR sein zu müssen. Doch wir, als Kinder, waren einfach immer überflüssig. Wir suchten uns Beschäftigungen. So kletterten wir oftmals auf die Bäume, um die Gegend von oben anzuschauen. Mutter musste uns dann viele mal suchen. Unsere Kleider sahen nicht gerade sauber aus. Einmal hatten wir gerade neue weissrote Kleider von einer Schneiderin bekommen. Meine Grossmutter hatte sie dann dunkelblau gefärbt. So waren sie weniger heikel.


Die Gesetze der Nachkriegszeit waren aus verschiedenen Gründen recht speziell. Damit meine Mutter eine Rente erhalten konnte, musste sie einen Arbeitskollegen meines Vaters finden. Dieser musste dann bezeugen, dass sein Kollege wirklich die entsprechende Stelle innehatte. So wollte man Rentenbetrüge verhindern. Papa war Schriftsetzer und später Polizeibeamter. Viele von ihnen kamen ja um. Meine Mutti bekam eines Tages Bericht, dass ein ehemaliger Arbeitskollege - ungefähr acht Kilometer von uns entfernt - gefunden wurde. Dieser Besuch hatte für das weitere Leben unserer Familie grosse Auswirkungen. Einerseits führte er dazu, dass Mutti nun eine Witwen- Rente vom Staat bekommen kann, da nun ein Zeuge gefunden wurde. Eine weitere Auswirkung war, dass die Familie des Kollegen von Papa zu einer Baptistenkirche gehörte und uns alle zu sonntäglichen Gottesdienstbesuchen einlud. Wir Kinder gingen in die Sonntagsschule. Die Erwachsenen in den Gottesdienst. Jeden Sonntag gingen wir 16 Kilometer zu Fuss in diese Kirche. Der Prediger dieser Kirche schenkte uns allen eine Bibel und wir drei Schwestern wetteiferten, wer am meisten Kapitel gelesen hatte am Tag. Wir lagen in unserem kleinen Zimmer oft auf den Betten und lasen in der Bibel. Wir bekamen auch Kleider- und Lebensmittelpakete, die von Amerika nach Deutschland geschickt und verteilt wurden. Wir erlebten, dass Gott unser Vater war, der für uns sorgt. lm Januar 1950 wurden aus unserer Kirchgemeinde zehn Kinder von der Schweizerischen Pfingstmission eingeladen, um für drei Monate in die Ferien zu kommen. Kinder, die vom Krieg geschwächt waren, sollten sich in der vom Krieg verschonten Schweiz bei Familien, eine Zeit lang erholen können. Ich durfte dabei sein. Wir waren ja alle unterernährt und es fehlten uns viele Vitamine. Wir wurden von einem Kirchenmitglied bis zur Schweizer Grenze, im Zug begleitet. Dann nahm ein anderer Mann uns in Empfang, der uns zu den verschiedenen Familien brachte.

Ich kam in die Nähe von Wil und fühlte mich sehr wohl dort. Zuerst verstand ich die Sprache nicht. Aber mit der Zeit ging es immer besser. Die Tochter des Hauses zeigte und erklärte mir alles. Zuletzt ging es in den Keller hinunter. Dort waren Kartoffeln und Äpfel eingelagert. ,,Hier kannst du so viele Äpfel essen, wie Du willst!» sagte meine Gastgeberin. Das war für mich unvorstellbar, denn ich hatte schon lange keinen Apfel mehr gegessen. Meine Mutter hatte das Geld nicht dazu. Da ,,langte" ich natürlich kräftig zu". Auch meine zwei Schwestern und Mutter wurden von anderen Familien der Glaubensgemeinschaft eingeladen und wir waren immer gerne dort. Mir hatte es die Schweiz sehr angetan und ich sagte zu meiner Mutter: ,,Wenn ich aus der Schule komme, will ich in die Schweiz ziehen!" Aber sie erlaubte es nicht.

In der Zwischenzeit waren wir dank der Rente meiner Mutter in die Stadt gezogen und lebten drei Jahre dort. Ich begann ein Praktikum in einem Kinderheim für Behinderte. So gerne hätte ich Kinder-Krankenschwester gelernt. Dieser Wunsch wurde aber leider nicht erfüllt.

Wir wurden vom Staat als Familie nach Süd-Deutschland umgesiedelt und ich musste mit ihnen gehen. Es waren ungefähr 800 Kilometer Entfernung zum vorherigen Ort. Wir hatten danach in Heilbronn, nach acht Jahren, wieder eine richtige Wohnung bekommen. Nun hiess es für mich mitverdienen, denn wir brauchten ja noch einige Möbel für die Wohnung. Meine um ein Jahr jüngere Schwester und ich gingen auf Arbeitssuche. Jemand blieb immer draussen und betete um die Stelle. Schliesslich hatten wir Erfolg und wurden eingestellt. Die jüngste Schwester musste noch zur Schule. Wir beiden älteren Geschwister mussten beide unsere Lehrstelle aufgeben und arbeiteten dann in einer Textilfabrik.

Ich bekam anschliessend eine schwere chronische Grippe und musste zum Arzt, der dann meinte, ich sollte eine Luftveränderung für einige Zeit haben. Meine jüngste Schwester hatte gerade einen Brief aus der Schweiz erhalten. Absender war die Familie, bei der sie zur Erholung in den Ferien war. Der Brief enthielt die Anfrage, ob sie nicht jemand wüsste, der für ein halbes Jahr im Bauernhaushalt helfen könnte. Dies war meine Gelegenheit! Ich wollte in die Schweiz. Da der Arzt mir "Luftveränderung" verordnet hatte, willigte meine Mutter ein. Und so reiste ich am 14. Mai 1955 in die Schweiz und kam ins Toggenburg, auf den Schönenberg bei Wattwil. Die Familie gehörte zu einer pfingstlichen Glaubensgemeinschaft. Sie bestand aus den Eltern Jakob und Zusette, sowie 5 Söhnen. Einen Teil davon kannte ich schon von meiner Erholungszeit in der Schweiz.

Für mich war es ein völlig anderes Leben, verglichen mit dem Leben in Deutschland. Der Bauernhof lag abgelegen. Wie meine Mutti später ausdrückte: «Dort wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen". Die Arbeit war zunächst ungewohnt und ich musste viel lernen. Auch war ich sehr männerscheu. Wir waren daheim ja lauter Frauen. Aber mit der Zeit fühlte ich mich zuhause. Es ging mir gesundheitlich bald besser. Was mir besonders gefiel, waren die Stubenversammlungen in diesem Hause. Alle 14 Tage trafen sich Mitglieder der Glaubensgemeinschaft in der Stube des Hauses. Wenn es eng wurde, öffnet man auch noch die Türe zur Nebenstube. An diese Treffen kam jeweils ein Prediger aus der Glaubensgemeinschaft. Es wurde gesungen und gebetet. Nach der Versammlung musste ich immer ein z’ Vesper richten, damit sich alle gestärkt auf den Heimweg machen konnten. Oftmals standen wir beim Harmonium und sangen dazu. Es war für mich stets eine Erquickung für die Seele.

Nach Ablauf des anfänglich abgemachten halben Jahres, bat ich meine Mutter um ein Jahr Verlängerung. Ich wollte auf dem Schönenberg bleiben! Schweren Herzens willigte Mutti ein. Mir gefiel das Landleben immer besser und dann verliebte ich mich auch noch in den ältesten Sohn der Familie. Meine Mutter kam mit dem Zug angereist, um mich zu besuchen. Ich holte sie am Bahnhof Wattwil ab. Auf dem Weg zum Schönenberg erzählte ich ihr, dass ich gerne hierbleiben möchte, um Bäuerin zu werden. Das war zu viel für sie. Sie blieb stehen und rief laut: ,,Willst du dein ganzes Leben lang misten?!" Dies war offenbar das Bild, das sie von einer Bäuerin auf einem Bergbauernhof hatte. Es stimmte schon, dass es damals für diese Arbeit noch keine Maschinen gab. Es wurde viel Handarbeit geleistet und wahrscheinlich hatte ich ihr davon in meinen Briefen geschrieben.

Am 10. Mai 1958 feierten wir Hochzeit und übernahmen den Landwirtschafts-Betrieb. Wir lebten zusammen mit den Schwiegereltern und einem behinderten Bruder meines Mannes. Es wurden uns zwei Söhne und zwei Töchter geschenkt.

Lebensgeschichte, Grosseltern

Erzählungen meiner Grosseltern:

Grossvater ist im Jahre 1888 geboren. Er war der Jüngste von 12 Kindern. Er ist in dem Haus auf dem Schönenberg, wo wir auch wohnten, geboren. Im Keller stand damals ein Webstuhl. Strom gab es noch nicht. Der Webstuhl wurde vor allem von der Mutter meines Grossvaters betätigt. Grossvater zeigte mir einen Holzbalken im Keller, der eine schwarze, leicht angebrannte Stelle aufwies. Dort sei jeweils die Petrollampe gehangen, um bei Dunkelheit den Webstuhl zu erleuchten, der bis in alle Nacht hinein und auch frühmorgens wieder betätigt wurde.

Grossvater erzählte, dass er eine Schwester hatte, welche kleinwüchsig war. Sie nannten sie «Babeli». Sie konnte nicht sprechen. Dieses Babeli habe sich die meiste Zeit ihres Lebens unter dem Ofen aufgehalten. Es war noch derselbe, grüne Ofen, der noch in meiner Kindheit in unserer Stube stand. Er stand auf vier Füssen. Diese waren etwa 30 – 40 cm hoch. Auch wir Kinder krochen manchmal unter diesen Ofen. Es war dort angenehm warm. Auch unsere Katzen suchten diesen Ort gerne auf.

Grossvater hatte Brüder, die recht viel älter waren als er. Einer hiess Abraham. Dieser wurde «Hämel» genannt. Er war kräftig und gross und bewirtschaftete im Sommer eine Alp unterhalb des Speers. Zum Heuen kam er an schönen Tagen zu Fuss von dieser Alp herab. Alles im Laufschritt. Am Abend ging er wieder hoch, um das Vieh zu besorgen. Ein anderer Bruder hiess Melchior. Genannt «Melch». Dieser hat im Verlaufe seines Lebens auf dem Schönenberg mehr als einmal gezügelt. Er machte stets einem seiner Söhne Platz und zog dann weiter auf einen anderen Hof. Grossvater erzählte lachend, dass einer seiner Brüder kurz nach der Hochzeit einmal weinend zu seiner Mutter kam und ihr klagte, dass er seine Frau nicht ausstehen könne und er am liebsten wieder nach Hause kommen würde. Mutter habe ihn dann aber wieder fortgeschickt und wollte davon nichts wissen.


Von einem anderen Bruder, Peter, er war wahrscheinlich der Älteste, wusste Grossvater zu erzählen, dass er mit 36 Jahren gestorben sei. Er war krebskrank. An mehr Erzählungen zu diesem Bruder kann ich mich nicht erinnern. Obwohl Grossvater acht Schwestern gehabt hatte, erinnere ich mich nur an einen Namen. Diese Schwester hiess «Trine». Dies war wohl auch eine Abkürzung. Diese Schwester bewirtschaftete mit ihrem Mann zusammen ebenfalls einen Bauernhof auf dem Schönenberg. Ihr Sohn war im gleichen Alter wie Grossvater. Also war Grossvater eigentlich der Onkel von ihm. Dieser «Heiri»(Heinrich) war der beste Freund und Kollege von meinem Grossvater, während seiner Kindheit. Zu ihm hatte Grossvater sein Leben lang Kontakt. Grossvater erzählte von einige Streichen, die sie als Buben und später auch als Jugendliche zusammen gemacht hatten. Es waren durchaus nicht harmlose Dinge. Es war oftmals ein zu Leide werken. Ich erinnere mich an einen Besuch von «Vetter Heiri» auf dem Schönenberg. Er war im Rheintal Lehrer. Als ich ihn sah, war er aber schon pensioniert. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er auf unserem Sofa sass und mit Grossvater angeregte Gespräche führte. Er glich Grossvater sehr. Man hätte meinen können sie seien Brüder. Doch ihr Leben verlief sehr unterschiedlich.

Das Leben meines Grossvaters verlief nach seinen Erzählungen und auch nach den Erzählungen meiner Grossmutter nicht so tadellos und zielstrebig.

Als Zwanzigjähriger sollte er in den Militärdienst einbezogen werden. Dies war im Jahre 1908. Grossvater gab bei der Musterung vor, dass er nicht gut sehe. Er sagte Zahlen und Buchstaben falsch bei den Tests. Offenbar konnte er gut schauspielern. Er kam damit durch. Als im Jahre 1914 wegen des ersten Weltkrieges mobil gemacht wurde, musste er nochmals zur Musterung. Grossvater behauptete, dass er bei der Messung der Körpergrösse sechs Zentimeter grösser war, als bei der ersten Musterung als Zwanzigjähriger. (Ich muss heute noch darüber lachen, wenn ich daran denke. Dies besonders, weil ich selbst eine Körpergrösse von nur 1.60 Meter habe. Ich hoffte wirklich als junger Mann, dass ich vielleicht doch noch eine Chance auf etwas mehr Körpergrösse haben würde, sollte ich dieses Gen von Grossvater geerbt haben.) Grossvater wurde nun auch als Diensttauglich eingestuft und musste seinen Militärdienst leisten, wie andere auch.

Im Verlaufe der Zeit begann Grossvater zu trinken. Er war auf dem Schönenberg dafür bekannt, dass er viel in der Wirtschaft hockte. Das Saufen machte aus Grossvater einen Menschen, den man nicht mehr sehr ernst nahm. Mit seiner Frau – meiner Grossmutter – hatte man Mitleid. Besonders, weil sie auch noch ein behindertes Kind hatte. Dieser traurige Lebenszustand meiner Grosseltern nahm aber ein abruptes Ende. Es geschah etwas, mit dem kaum jemand gerechnet hatte. Grossvater erlebte eine Bekehrung. Leider weiss ich die Umstände nicht so detailliert. Aber, wie ich erfuhr, war es so, dass er Kontakt bekam zu Verwandten, welche wiederum Menschen kannten, die sehr begeistert waren von einer damals neuen, christlichen Glaubensrichtung. Grossvater erzählte von Missionaren, welche von Schweden her kommend die Schweiz bereisten und missionierten. Diese Prediger forderten die Menschen zur Umkehr auf. Sie predigten nicht in Kirchen, sondern in Privathäusern. Sie leiteten die Menschen an, die Bibel zu lesen und zu beten. Sie lehrten die Erwachsenentaufe und distanzierten sich von der traditionellen Frömmigkeit, wie sie in den Landeskirchen landauf und landab gelebt wurde. Diese Menschen bauten ein Netzwerk auf, wie man heute sagen würde. Es waren Familien, verteilt über das ganze Toggenburg. Grossvater und Grossmutter schenkte diesen Predigern Gehör und befolgten ihre Ratschläge. Das Resultat war unter anderem, dass Grossvater aufhörte zu trinken. Ebenso mied er von da an auch das Tabak rauchen. Grossvater und Grossmutter begannen ein völlig neues Leben. Sie wurden allmählich Teil der neuen Bewegung, welche sich Pfingstbewegung nannte. Grossvater wurde zu einem eifrigen Missionar, der keine Hemmungen hatte, den Leuten christliche Schriften zu verteilen. Er suchte Nachbarn auf und wollte diese auch für den neuen Glauben gewinnen. Er hatte dabei auch einige Erfolge. So nahmen auf dem Schönenberg auch ein paar Leute diesen neuen Glauben an und besuchten die Hausversammlungen, die in meinem Elternhaus stattfanden.

Grossmutters Erinnerungen

Meine Grossmutter wuchs ebenfalls auf dem Schönenberg auf. Dies mit einem Bruder und einer Schwester zusammen. Geboren wurde sie im Jahr 1896. Ihre Kindheitserinnerungen klangen durchwegs positiv. Sie sagte von ihrer Mutter, welche vom Appenzellerland her ins Toggenburg kam, dass sie eine sehr liebe Mutter war. Den Vater empfand sie als streng und gerecht. Sie achtete ihn sehr. Grossvater lernte sie auf dem Tanz an einer Chilbi kennen. Von der Schule her kannten sie sich nicht, denn der Altersunterschied betrug acht Jahre. Die Mutter meiner Grossmutter war von dieser Hochzeit alles andere als begeistert. Auch andere Leute rieten von dieser Hochzeit ab. Doch Grossmutter hatte sich verliebt, setzte sich durch und heiratete gegen alle gut gemeinten Ratschläge meinen Grossvater. Es war damals üblich, dass die Eltern der Braut, ihr eine sogenannte Aussteuer mitgaben. Dies waren Haushaltgegenstände, Möbel, Decken und dergleichen. Grossmutter erzählte, dass dies mit einem Fuhrwerk mit Ochs und Wagen geschah. Ihr Elternhaus lag rund zwei Kilometer von meinem Elternhaus entfernt. Rasch kam mein Vater auf die Welt. Er war also der Älteste von fünf Söhnen, die im Zeitraum von etwa 15 Jahren in diesem Haus das Licht der Welt erblickten. Das zweite Kind meiner Grosseltern kam mit einer angeborenen Krankheit auf die Welt. Diese nennt man heute Rhesus-Inkompatibilität. Damals konnte man diese Krankheit – im Gegensatz zu heute – nicht behandeln. Sie wurde auch nicht sofort nach der Geburt bemerkt. Aber im Laufe der Zeit stellte sich heraus, dass Jakob in verschiedenster Hinsicht zurückblieb in der Entwicklung. Für die Eltern war dies schwierig. Heute frage ich mich, ob dies wohl dazu beigetragen hat, dass Grossvater so dem Alkohol verfallen war? Grossmutter hoffte, dass ihr Bub gesund werden könnte. Sie erzählte, dass sie einmal in ihrer Verzweiflung weit gelaufen sei, den Kinderwagen vor sich herschiebend - bis zu einem Dorf hinter dem Ricken. Sie habe eine Heilerin besucht die mit – wie es meine Grossmutter ausdrückte – Zaubereikünsten versuchte, ihren Buben zu heilen. Es nützte alles nichts. Im Gegenteil: es kostete Geld und es wurde eher schlechter als besser. Jakob sollte dann mit sieben Jahren eingeschult werden. Dies funktionierte allerdings nicht. Kobeli war schlicht und einfach nicht lernfähig, wie andere Kinder.

Grossmutter hoffte später sehr, dass ihr Sohn Kobeli, durch Gebete geheilt werden könnte. Dies geschah jedoch nicht. Es war in Pfingstgemeindlichen Kreisen üblich, mit kranken Menschen zu beten. Dies unter Handauflegung und auch der Anwendung der sogenannten Zungenrede. Dabei geschahen denn auch manchmal Heilungen. Die Lehre mancher Pfingstprediger ging auch in die Richtung von einem gewissen Geisterglauben. Der Glaube an Dämonen und böse Mächte, sowie dem Teufel, war Inhalt vieler Predigten. Man war sich aber sicher, auf der sicheren Seite zu stehen und gegen diese Mächte ankämpfen zu können. Dies mit den entsprechenden vollmächtigen Gebeten und das «Gebieten an die unsichtbare Welt». Es resultierten durch diese Rituale, hier und dort durchaus auch positive Wendungen und Heilungen. So wie bei meinem Grossvater. Wenn aber nach all dem Beten und Handauflegen nichts geschah, kam schnell die Frage auf, ob da nicht noch etwas Verborgenes da sei, welches das Wirken von Gottes Geist verhindere. So kamen gewisse Prediger denn auch auf die Idee, dass das Haus okkult belastet sei. Sie beteten das Haus frei und fanden nach ihrer Erkenntnis auch okkulte Zeichen an den Holzbalken. Es waren an verschiedenen Stellen an der Decke und an Wänden, drei nahe beieinander angebrachte Holzzapfen. Jemand hatte die Idee, dass diese in den heiligen drei Namen eingeschlagen wurde. Weshalb dies ein Problem sein sollte – wenn es denn tatsächlich so war - konnte ich aber nicht in Erfahrung bringen. Ich vermute, dass man an gewisse katholische Rituale dachte.

Grossmutter akzeptierte aber im Verlaufe der Zeit, dass ihr Sohn eine unheilbare Behinderung hatte. Sie bekam nach ihm nochmals drei Söhne, die alle gesund waren.

Lebensgeschichte, Vater

Vater erzählt und erinnert sich

Mein Vater, Hans, erzählte, dass er als Bub manchmal - auf Geheiss seiner Mutter – seinen betrunkenen Vater im Schäfli, dem Restaurant auf dem Schönenberg nach Hause rufen musste. Vater hat sich als Bub dann immer sehr geschämt. Denn auf dem Heimweg torkelte Grossvater umher und fiel manchmal sogar um. Auch in der Schule hat sich Hans oftmals geschämt. Besonders, als sein zwei Jahre jüngerer, geistig behinderter Bruder die Schule besucht hat, war das für Vater alles andere als lustig. Im Gegensatz zu seinen Mitschülern, fand er es gar nicht lustig, wenn Kobeli nur lachte, wenn ihm der Lehrer Fragen stellte, oder er Aufgaben lösen sollte. Das Einzige, mit dem Kobeli in der Schule etwas anfangen konnte, war, wenn der Lehrer Harmonium spielte und die Kinder dazu sangen. Anstatt auf der Schiefertafel Zahlen und Buchstaben zu schreiben, malte Kobeli mit seinem Griffel die ganze Zeit nur einige wenige Kreise auf die Tafel. Immer an derselben Stelle. Bis die Tafel Einbuchtungen hatte. Als Kobeli dann nicht mehr zur Schule musste, war Hans froh. Aber er hatte noch ein anderes Problem. Er hörte schlecht. Offenbar wurde nie richtig abgeklärt, weshalb. Deshalb verstand Hans nicht immer alles. Einige Wörter sprach er deshalb falsch aus.

Hans hatte einige gute Freunde auf dem Schönenberg. Mit ihnen verbrachte er die Sonntage bei Spiel und Spass und – wie konnte es anders sein – auch mit Blödsinn machen. Am Samstagabend im Schäfli, oder sonst irgendwo einkehren, wenn er etwas Geld hatte, gehörte auch schon dazu. Als sich das Leben seiner Eltern wegen dessen Bekehrung und dem Anschluss an diese neue Glaubensbewegung radikal änderte, war Hans etwa 14 Jahre alt. Er ging in die 8. Klasse. Seine Eltern erwarteten von Hans und seinen Brüdern, dass sie auch denselben Glauben übernehmen würden wie sie. Für die jüngeren Brüder, die zu dieser Zeit noch nicht schulpflichtig waren, spielte sich dies ganz natürlich ab. Aber Hans war schon ein Jugendlicher und hatte in seinem jungen Leben doch schon ein gutes Beziehungsnetz mit Kameraden aus seinem Umfeld aufgebaut. Der neue Glaube war ihm nicht wirklich willkommen. Es gab nun von Seiten der Eltern und auch der Prediger, Verbote für Dinge und Lebensweisen, über die sich der Jugendliche bis jetzt nicht viele Gedanken machen musste. Er lebte einfach so, wie er es für richtig fand und es seine Kameraden auch taten. Nun wurde ihm für vieles was er gerne tat und mochte, ein schlechtes Gewissen eingeredet. Hans liess sich dann dazu bewegen sich taufen zu lassen. Dies in einem Brunnentrog auf einem anderen Bauernhof im Toggenburg. Er kam auch nicht darum herum, bei den Versammlungen im Elternhaus dabei zu sein. Diesem Zwang entwand sich Hans aber mehr und mehr, je älter er wurde. Vater hat sich im Verlaufe seines Lebens einige Male "bekehrt". Was heisst, dass er auch einige male "rückfällig" wurde.

Hans arbeitete nach der obligatorischen Schulzeit, wie es damals nicht unüblich war, auf dem elterlichen Bauernhof mit. Als er etwa siebzehn Jahre alt war, vermittelten ihm seine Eltern eine Arbeitsstelle auf einem anderen Bauernhof im unteren Toggenburg. Es war der Hof eines der Pfingstprediger, die an den Sonntagen jeweils die Stubenversammlungen leiteten. Die Arbeit auf diesem Hof war für Hans keine grosse Herausforderung. Er wusste, wie das Bauern funktionierte. Wenn man damit aufwächst, hat man diesen Beruf sozusagen in den Genen. Was aber für den jungen Burschen eine spezielle Herausforderung darstellte, war das Verhalten des Predigers und Hofbesitzers. Dieser war äusserst streng. Er stellte viele Verbote auf und verurteilte die Menschen, die nicht nach seinem Sinne lebten und glaubten, mit scharfen Worten. So hat Hans in seiner Lebensfreude von seinem ersten selbstverdienten Geld einen Fotoapparat gekauft. Was liegt da mehr auf der Hand, als diesen auch zu gebrauchen und damit Fotos zu machen? Er verschenkte einige Bilder die er gemacht hatte voller Stolz. Als er seinem Meister auch ein Bild gab, wo dieser darauf war, zerriss er das Foto mit der Bemerkung, dass Fotografieren eine Sünde sei.

Es gäbe noch mehr solcher Beispiele, was bei diesem Prediger alles als Sünde galt. So lehrte dieser auch das sogenannte «Heilige Leben». Kurz gesagt ist damit gemeint, dass für einen bekehrten Christen, Sexualität und Erotik kein Thema mehr ist. Diese Dinge zählten nur für die gottgewollte Fortpflanzung des Menschen. Die vielen Verbote in diesem Haus verleideten Hans. Er meldete sich kurzerhand ab und nahm eine andere Arbeitsstelle auf einem Bauernhof am Zürichsee an. Als Hans dem Predigerbauern seine Kündigung mitteilte sagte dieser: «gehe nur und du wirst in Nacht und Nebel versinken!» Diesen Satz vergass mein Vater nie. Er begleitete ihn. Leider erlebte mein Vater nicht nur geistlichen Missbrauch, sondern auch unangemessene Annäherungsversuche von einem wohl homosexuellen Prediger. Dies erzählte mein Vater erst viele Jahre später. War dies vielleicht sogar ein Resultat von der Lehre des «Heiligen Lebens»? Diese Lehre wurde aber später von den pfingstlichen Gemeinden nicht mehr gelehrt. Dies, und auch einige andere «Lockerungen» der Verbote des pfingstlichen Glaubens hat mein Vater im Verlaufe seines Lebens auch mitbekommen. Er gab sich später versöhnlich mit diesen Themen. Doch eine gewisse Skepsis und Zurückhaltung, Predigern und Glaubensgemeinschaften gegenüber, ist bei ihm geblieben. Die Geschichte von Vater geht noch weiter. Im Rahmen dieser Biografie beende ich sie jedoch an dieser Stelle. Eine Aussage meines Vater – nicht all zulange vor seinem Tod mit 76 Jahren – in Bezug auf seinen Glauben war: "Jesus ist für die Sünder gekommen und ich bin einer von ihnen".