Biografie
Sieben-jährig
Auf der Nachdenkbank, 1967
Tief in Gedanken sitze ich – knapp siebenjährig – auf der verwitterten Holzbank an der Hauswand. Mein Blick ruht auf der dunkelgrünen Waldschneise, etwa hundert Meter entfernt. Dort verschwindet der schmale Fahrweg, gerade breit genug für den VW-Käfer des Briefträgers. Im Sommer kann er diesen Weg nutzen, um die Post in der Umgebung des kleinen Dorfes Ricken auszutragen. Im Winter aber muss er zu Fuss oder auf Skiern zu den abgelegenen Höfen gelangen.
Es ist Juli. Heumonat. Heisses Sommerwetter.
Und ich grüble an diesem schönen Tag darüber nach, warum ausgerechnet ich zu den Auserwählten gehören soll, die nicht in die Hölle kommen. Ich kann einfach nicht begreifen, weshalb gerade ich das „Glück“ habe, einmal in den Himmel zu dürfen. Dieser Gedanke beruhigt mich zwar, wenn ich an die Ängste der vergangenen Zeit denke – an die Tage und Nächte vor meiner Bekehrung. Doch richtig freuen kann ich mich nicht. Es bedrückt mich, dass all meine Schulkameraden, Nachbarn und alle anderen, die nicht gläubig sind, in die Hölle kommen sollen, wenn sie sich nicht bald bekehren.
Zum Glück habe ich das ja getan.
Trotzdem macht mir die Vorstellung Angst, dass der böse Antichrist bald die Welt beherrschen wird. Dann, so habe ich die Gespräche am Familientisch verstanden, wird er all jene quälen, die bei der nahenden Entrückung zurückbleiben.
Am Tisch sitzen meine Mutter, mein Vater, meine zwei Schwestern und mein Bruder, dazu Grossmutter und Grossvater – und Kobeli, mein Onkel, der „nicht normal“ ist. Grossvater hat einmal gesagt, Kobeli müsse sich nicht bekehren, weil er wie ein kleines Kind sei. Und kleine Kinder kämen sowieso in den Himmel, da sie noch nicht sündigen könnten.
Ich hingegen weiss mit meinen sieben Jahren sehr genau, dass ich schon alt genug bin, um zu sündigen. Mehr als einmal habe ich gelogen oder etwas gestohlen. Auch fluchen und jähzornig sein kann ich. Das habe ich allerdings auch bei meinem Vater und ein wenig bei meinem Grossvater gesehen. Aber weil sie Bekehrte sind, vergibt ihnen Gott ihre Sünden, wenn sie ihn darum bitten. Dann gehören sie wieder zu denen, die in den Himmel kommen.
Warum – warum nur – gibt es so wenige Menschen, die richtig glauben?
Was richtig und was falsch ist, habe ich von klein auf mitbekommen. Während mein Blick weiterhin auf der dunkelgrünen Waldschneise ruht, spreche ich leise zu Gott und sage ihm, dass ich mit all meinen Gedanken nicht zurechtkomme. Ob er mich wohl hört? Ob er meine Fragen beantwortet?
Es wird ein langer Weg sein.
Länger als der Fahrweg, der in der dunkelgrünen Waldschneise verschwindet.
Die Bekehrung zuvor
Die neunköpfige Familie hat an diesem 7. Juni 1967 gerade zu Abend gegessen. Der Stubentisch ist abgeräumt, das Geschirr stapelt sich in der Küche und wartet darauf, von zwei Kindern gespült und abgetrocknet zu werden. Heute sind meine ein Jahr ältere Schwester Heidi und ich an der Reihe. Mein jüngerer Bruder Werner hilft derweil mit Vater und Grossvater im Stall.
Ich übernehme Hausarbeiten gern – vor allem dann, wenn ich dafür nicht aufs Feld oder in den Stall muss. Oft lässt sich das nicht vermeiden, doch meistens finden Werner und ich einen guten Tauschhandel: Er liebt die körperliche Arbeit auf dem Hof, ich die ruhigeren Aufgaben im Haus. So kommen wir beide auf unsere Kosten.
An diesem warmen Juniabend gibt es am Familientisch nur ein Thema: den Krieg im Nahen Osten. Israel wird von mehreren Nachbarländern angegriffen – später wird man diesen Konflikt den Sechstagekrieg nennen. Für meine Mutter und meinen Grossvater, beide tief verwurzelt in der pfingstlichen Glaubensgemeinschaft, ist klar: Jetzt erfüllen sich biblische Prophezeiungen.
Der Heilige Krieg habe begonnen. Die Entrückung stehe unmittelbar bevor. In einer einzigen Sekunde würden alle „richtig Gläubigen“ in den Himmel gehoben. Gleichzeitig, so glaubten sie, werde Jesus auf dem Ölberg erscheinen und ihn in zwei Teile spalten – das untrügliche Zeichen, dass die Weltzeit ihrem Ende entgegengeht.
Alle anderen, die nicht „richtig glauben“, würden zurückbleiben und dem Antichrist ausgeliefert sein. Wer dann noch an Gott festhalten wolle, könne nur als Märtyrer in den Himmel gelangen. Für die Gläubigen unserer Gemeinschaft war der Krieg in Israel ein eindeutiges Zeichen: Das Ende der Welt war nahe.
Auf dem abgeräumten Stubentisch wird ein Atlas aufgeschlagen. Die Erwachsenen beugen sich über die Seiten mit Syrien, Ägypten, Israel, Persien und dem Libanon. Ich staune, wie viel sie aus diesen Linien und Strichen herauslesen können. Für mich ist es ein fremdes Buch ohne Bilder, ohne Geschichten – und doch voller Bedeutung für sie.
Während ich zuhöre, wächst in mir vor allem eines: Angst.
Ich will bei der Entrückung dabei sein. Auf keinen Fall will ich allein auf dieser dunklen Welt zurückbleiben. Mutter, Grossmutter und Grossvater würden bestimmt entrückt werden. Vielleicht auch Vater oder mein Bruder – es sei denn, sie hätten gerade gesündigt und noch nicht um Vergebung gebetet. Dann wäre ich wenigstens nicht ganz allein.
Diese Gedanken lassen mich nicht mehr los. Auch Werner scheint es ähnlich zu gehen. Wir teilen uns die niedrige Firstkammer mit den rauen Holzwänden, in der wir schlafen. Normalerweise gehen wir selbstständig ins Bett, und Mutter kommt später, um mit uns zu beten und uns einen Gute-Nacht-Kuss zu geben.
Heute Abend aber gestehen wir einander unsere Angst: vor dem Krieg in Israel, der bevorstehenden Entrückung, dem Antichristen und all dem, was die Erwachsenen so sicher wussten. Ich hatte in den vergangenen Monaten immer wieder schreckliche Träume – Träume, in denen die Entrückung stattgefunden hatte und ich zurückgeblieben war. Bis jetzt hatte ich niemandem davon erzählt. Doch heute ist die Angst zu gross.
Wir beschliessen, Mutter davon zu erzählen, sobald sie kommt. Wir wollen wissen, was wir tun müssen, um sicher bei denen zu sein, die in den Himmel kommen.
Als sie endlich zu uns kommt, nachdem sie bei den Mädchen gebetet und gesungen hat, brechen wir unser Schweigen. Wir schildern unsere Ängste und stellen unsere Fragen. Unser grösster Wunsch: Wir wollen bei der Entrückung dabei sein.
Mutter weiss eine Antwort:
„Ihr müsst euch bekehren.“
Dieses Wort hatten wir oft gehört. Wir wussten, dass es eine besondere Handlung war, die in der Versammlung stattfand. Wir hatten Geschichten gehört von spektakulären Bekehrungen – Menschen, die umfallen oder plötzlich von Lastern befreit werden. Doch richtig verstanden hatten wir es nie. Und ein wenig fürchteten wir uns davor.
Mutter erklärt uns, dass wir einfach zu Gott beten sollen. Er werde uns hören. Wir sollen ihm sagen, dass wir unser Leben ihm übergeben wollen.
Also tun wir es.
Mutter betet zum Schluss mit uns, Tränen in den Augen, dankbar, dass sich ihre Söhne „bekehrt“ haben.
Werner und ich schlafen in dieser Nacht ohne Angst ein.
Leben auf dem Bergbauernhof
Arbeiten im Freien fallen in allen Jahreszeiten an. Da ist im Frühlinge das Misten. Das bedeutet Mist mit einer Gabel gleichmässig auf der Wiese zu verteilen. Im Sommer das Heuen. Handarbeiten fielen beim Heuen viel mehr an, als dies in der heutigen Zeit der Fall ist. Der "Heuet" war mit viel Hektik verbunden. Vom Morgen bis zum Abend waren draussen verschiedene Arbeiten zu verrichten. Solche Handarbeiten wurden von unserer Mutter, dem Grossvater und uns Kindern verrichtet. Vater und manchmal auch mein Bruder waren für die maschinellen Arbeiten zuständig. Wir hatten einen Einachser. Mit diesem wurde gemäht, der Heuwagen gezogen und im Frühling und Herbst Mist ausgetragen. Auch für Holztransporte wurde diese «Universalmaschine» eingesetzt. Im Winter war das Holzen eine Hauptbeschäftigung. Der Ertrag der jährlich geschlagenen Bäume war eine feste und zuverlässige Einnahmequelle. Zudem lieferte dieser jährliche Holzschlag auch das Brennholz für den Haushalt.
Meine Kindheit auf dem Toggenburger Kleinbauernhof
Ich wurde 1960 geboren – ein typischer Babyboomer. Als sechsköpfige Familie gehörten wir auf dem Schönenberg (Kanton St.Gallen, Schweiz) keineswegs zu den grössten Bauernfamilien. Es gab durchaus Haushalte, in denen 6 und mehr Kinder keine Seltenheit waren. Gross war unsere Familie dennoch: Im selben Haushalt lebten auch unsere Grosseltern und ein behinderter Onkel. So sassen wir in der Regel zu neunt am Ess-Tisch.
Unser Hof umfasste sechs Hektaren Wiese und sechs Hektaren Wald. Zum Schönenberg, der zwischen dem Dorf Wattwil und dem Dorf Ricken liegt, gehörten damals rund dreissig Bauernhöfe, ein Restaurant mit integriertem Laden für Brot und Lebensmittel – dieser wurde noch während meiner Schulzeit geschlossen – sowie eine Käserei und ein Schulhaus. Nur wenige Bauern und der Käser besassen ein Auto.
Bis zu meinem dritten Schuljahr führte keine Strasse zu unserem Haus. Es gab lediglich einen Fussweg und für trockene Jahreszeiten einen Fahrweg. Das Schulhaus lag gut zweieinhalb Kilometer entfernt. Die obligatorische Schulzeit umfasste acht Jahre, und bis ich in die zweite Klasse kam, wurden alle acht Klassen von einem einzigen Lehrer unterrichtet. Es gab also Zeiten, in denen sämtliche Schülerinnen und Schüler vom ersten bis zum achten Schuljahr gemeinsam im selben Schulzimmer sassen. Erst ab 1968 wurden in Wattwil Realschulklassen eingeführt, in denen fortan auch die Siebt- und Achtklässler der abgelegenen Gebiete unterrichtet wurden. Wattwil liegt etwa fünf Kilometer vom Schönenberg entfernt, und die Schüler wurden mit Schulbussen transportiert. Wer vorher vom Schönenberg in die Sekundarschule nach Wattwil ging – was selten vorkam – musste den Weg zu Fuss oder mit dem Fahrrad zurücklegen. Letzteres war im Winter kaum möglich.
Warum meine Eltern mir den Vornamen Daniel gaben, weiss ich nicht genau. Schon früh erfuhr ich jedoch, dass es ein biblischer Name ist. Immer wieder hörte ich Sätze wie: «Ah, dann bist du also Daniel in der Löwengrube.» Wann ich diese Geschichte zum ersten Mal hörte, kann ich nicht mehr sagen. Vielleicht erzählte sie mir meine Grossmutter, vielleicht hörte ich sie in der Sonntagschule. Jedenfalls habe ich bis heute Bilder aus Kinderbibeln vor Augen – eindrückliche Darstellungen dieser Erzählung.
Gespräche
Gespräche beim Draussen arbeiten
Beim Arbeiten auf der Wiese ergaben sich für mich Gelegenheiten für Gespräche. Dies besonders mit der Mutter oder mit dem Grossvater. So erfuhr ich von meiner Mutter, wie sie meine Geburt erlebt hat. Die Erzählungen von ihr waren oftmals bruchstückhaft. Die roten Fäden ihres Berichtens waren eher ihre Gefühle und Empfindungen und nicht unbedingt eine chronologische Abfolge. So erfuhr ich, dass ich eine Steissgeburt war. Also eine falsche Lage hatte im Bauch meiner Mutter. So kam nicht mein Kopf zuerst heraus, sondern mein Hinterteil. Mein Kopf sei dann sehr blau und angeschwollen gewesen und die Nabelschnur um meinen Hals gewickelt. Mutter erzählte mir auch, dass sie seit meiner Geburt Rückenschmerzen habe. Als Kind hatte ich immer ein schlechtes Gewissen, wenn meine Mutter solche Aussagen machte. Ich fühlte mich schuldig am Schmerz meiner Mutter. Meistens konnte ich diese Gedanken aber rasch wieder verdrängen. Meine Neugier und mein Interesse an so vielem, was um mich herum geschah, waren zu gross, um lange nachzugrübeln.
Vieles, was ich von Mutter bei solchen gemeinsamen Feldarbeiten mitbekommen habe, handelte von ihren eigenen Kinderjahren. Sie ist im Jahr 1937 in Königsberg (Ostpreussen) geboren und hat als Kind den Krieg und die Nachkriegszeit mit all ihren Folgen hautnah miterlebt. Ihren Vater verlor sie im letzten Kriegsjahr. Mit ihren Schwestern und ihrer Mutter – meiner Oma – erlebte sie viele abenteuerliche Momente. Einerseits glückliche Fügungen und andererseits Schicksalsschläge und traumatische Erlebnisse. Mutter war als 14 – jähriges, sogenanntes Kriegserholungskind das erste Mal in die Schweiz gekommen. Eine ihrer Schwestern wurde von meinen Grosseltern ebenfalls zur Kriegserholung aufgenommen. Der Kontakt in die Schweiz blieb bestehen und so kam es, dass meine Mama meinen Papa kennenlernte. Dieser war 18 Jahre älter als sie. Mein Vater übernahm bei seiner Heirat den kleinen Bauernhof und gründete mit meiner Mutter eine Familie. Meine Grosseltern und mein geistig behinderter Onkel blieben im Bauernhaus wohnen. So entstand im Verlaufe der Zeit unsere Hausgemeinschaft, bestehend aus neun Personen.
Mehr zur Lebensgeschichte meiner Mutter: Lebensgeschichte, Mutter
Familie
Familienleben
Heidi, meine Schwester ist anderthalb Jahre älter als ich. Mein Bruder Werner ein gutes Jahr jünger. Unsere Mutter sprach manchmal vom Kleeblatt. Dieses wurde dann mit der Geburt meiner jüngeren Schwester Marlis vierblättrig. Eine meiner ersten Erinnerungen an sie ist leider auch von negativer Natur. Ich war wahrscheinlich etwa vierjährig. Aus welchem Grund weiss ich nicht mehr, aber ich weiss noch, wie ich einen grossen "Geifer" in ihren Kinderwagen gelassen habe. Er landete (zum Glück) neben dem Kopf auf dem Kissen des kleinen Babys. Meine Mutter kam im richtigen Moment dazu und es setzte Schläge ab mit nachfolgendem Geheul meinerseits.
Auch später war ich für meine jüngere Schwester nicht immer ein guter Bruder. Heute denke ich, dass ich als Kleinkind eifersüchtig auf sie reagiert habe. Später gab es dann verschiedene Phasen. Marlis wurde mit knapp zwei Jahren für einige Wochen von meiner Tante in Deutschland betreut. Dies, um unsere Mutter zu entlasten und weil diese Tante kinderlos war und sehr gerne Kinder hatte. Ich freute mich dann aber riesig, als Marlis wieder nach Hause kam. Ich hatte mir fest vorgenommen, sie nie wieder zu ärgern. Diesen Vorsatz konnte ich leider nicht einhalten. Meine Mutter verzweifelte manchmal schon fast ein wenig daran. Ich bekam viele Schläge wegen meines Verhaltens. Auch mit den anderen Geschwistern hatte ich manchmal heftigen Streit. Doch es gab auch viele Momente, wo wir sehr gut zusammen harmonierten. Ich erinnere mich an Zeiten, wo mein Bruder und ich behaupteten, wir seien Zwillinge. Wir waren beide etwa gleich gross. Genauer gesagt, ich war für mein Alter zu klein. Werner war schon immer kräftiger gebaut als ich. Beim "Blödsinn machen" hatte ich vielfach die Idee und er führte diese dann aus. Wir hatten es oft lustig zusammen. In unserem Haus haben wir viel zusammen gesungen. Dies wurde in unserer Familie auch schon in der vorhergehenden Generation gepflegt. Die Lieder wurden, gemäss unserem Glauben unterschieden zwischen «Christlichen» und «Weltlichen». Ich sang beides gerne. Mutter und Grossmutter freuten sich aber an den christlichen Liedern schon mehr als an den Weltlichen.
Meine Grossmutter hatte einen Plattenspieler. Auf diesem spielte sie manchmal sonntagsnachmittags Schallplatten ab. Es waren ausschliesslich Lieder mit christlich geprägtem Inhalt. Diese Lieder gefielen mir sehr gut. Ich sog Text und Melodie in mich auf wie ein Schwamm. Diese sogenannten Evangeliums-Lieder (z.T. noch heute bekannte Gospels, auch in Englisch) hatten es mir angetan. Als ich mit etwa 5 Jahren eine Mundharmonika zum Geburtstag bekam, konnte ich alle in mir gespeicherten Melodien damit spielen. Leider besass ich diese Mundharmonika aber nicht sehr lange. Ich verlor sie bei einem Familienausflug. Sie fiel mir auf dem Sessellift zur Wolzenalp, (Krummenau, Toggenburg) - aus der Hosentasche. Mein Grossvater lieh mir dafür ab und zu seine Mundharmonika aus. So kam ich nicht ganz aus der Übung. Grossvater und auch die anderen Familienmitglieder, lobten meine Musikalität denn auch immer und darauf war ich schon sehr stolz. In der ersten Klasse bekam ich dann wieder eine eigene Mundharmonika zum Geburtstag. Diese nahm ich mit in die Schule. Schon vor dem Schulhaus beim warten auf die Türöffnung gab ich mit diesem neuen Instrument den grösseren Schülern ein «Konzert» und wurde von ihnen dafür gerühmt. Sogar der Lehrer schaute verwundert aus dem Fenster und fragte, wer denn da so gut «Muulörgeli» spiele.
Da wir zu neunt im selben Haushalt lebten, kam es nie vor, dass wir von der Schule heimkamen und niemand zu Hause war. Dass die Grosseltern im gleichen Haushalt wohnten, war für uns Kinder schön. Wir hatten immer eine Ansprechperson. Für meine Mutter waren diese Umstände schon etwas schwieriger. Natürlich profitierte auch sie davon. Wir Kinder wurden in der Stube betreut, wenn sie in der Küche beschäftigt war, oder sonst im Haus oder auch draussen auf der Wiese. Meine Grossmutter war nicht mehr gut zu Fuss. Sie sass meistens in ihrem Sessel in der Stube und strickte oder las. Die Mahlzeiten nahmen wir in der Stube ein. Ich erinnere mich an das Auftischen. Im Normalfall musste dies für 9 Personen gemacht werden. Dies bedeutete, dass das Geschirr zwei – bis dreimal am Tag in die Stube und wieder zurück in die Küche zum Abwaschen gebracht werden musste.
Genau genommen haben wir mit Znüni und Vesper fünf Mal am Tag gegessen. Das Frühstück assen wir gestaffelt. Wir Kinder vor der Schule etwa um 07.00. Später, wenn der Vater um ca. 07.30 aus dem Stall kam, assen die Erwachsenen. Es gab Milch für uns Kinder, Kaffee für die Erwachsenen, Brot, Butter und Konfitüre. Mein Vater trank immer eine grosse Tasse Ovomaltine. Am Sonntag gab es Zopf und Honig. An den Werktagen nahm man zum Znüni ein Stück Brot und etwas Käse oder Wurst. Beim Heuen wurde der Znüni manchmal auch draussen eingenommen. Das Mittagessen war die Hauptmahlzeit. Dieses wurde in der Stube gemeinsam eingenommen. Dazu gehörte immer eine Suppe voraus. Dann gab es eine Beilage aus Kartoffeln, Teigwaren oder Reis. Ausnahmsweise auch mal ein süsser Zmittag. Wähe, oder eine Spezialität des Hauses, die man heute kaum mehr kennt wie «Ofenguck», oder «Kartoffelwürstli» mit «Schoggimus». Wir Kinder liebten die süssen z’Mittage mehr als die Erwachsenen. Uns zuliebe kochte Mutter aber gerne zwischendurch so etwas. Das «z'Vesper» um etwa 17.00 war auch ein Gemeinschaftsmahl in der Stube. Dort gab es in der Regel Milchkaffee, Brot und Konfitüre. Ausnahmsweise auch Rösti, Geschwellte Kartoffeln oder ein Mus. Mus liebte ich nicht so sehr, im Gegensatz zu meinem Bruder. Wir kannten Türken-Mus (Mais) Griess-Mus, oder Hafer-Mus. Es gab auch Holunder-Mus ("Holderzune") mit "Chrazete» (eine in der Bratpfanne zubereitete Speise aus Omelettenteig). Bei den gemeinsamen Mahlzeiten gehörte vor und nach dem Essen immer ein Tischgebet dazu. Dieses sprach meistens der Grossvater.
Vor dem ins Bett gehen um ca. 19.30 für uns Kinder und nach 20.00 für die Erwachsenen gab es nochmals etwas Kleines zu essen. In der Regel etwas Brot und Wurst. Ein grosser «Schmaus», wie wir es nannten, für uns Kinder war, wenn wir eine Büchse Ölsardinen öffnen und essen durften.
Heranwachsen
Ängste
Als aus heutiger Sicht eher hochsensibles Kind mit Konzentrationsschwierigkeiten, (heute würde man vielleicht ADS sagen) hatte ich viele Ängste. Eine grosse Angst bestand, wie eingangs beschrieben darin, in die Hölle zu kommen. Dies hatte mit Aussagen meiner Grosseltern, meiner Mutter und auch meiner Glaubensgemeinschaft zu tun. Ich hatte als Kind von Gott nicht das Bild eines liebenden Vaters, so wie ich es heute habe. Ich hatte auch grosse Angst vor der sogenannten Entrückung, die scheints nächstens stattfinden soll. Ich befürchtete, dass ich nicht gut genug war, um dort dabei zu sein. Es kamen noch andere Ängste hinzu. Etwa die, dass meine Mutter uns verlassen könnte. Anlass zu solchen Ängsten gaben gewisse Streitigkeiten und Vorwürfe, die meine Eltern und selten auch Grossvater vor unseren Kinder-Ohren austrugen und erhoben.
An eine spezielle Angst erinnere ich mich auch noch. Als ich etwa in der zweiten Klasse war, war die Tollwut in unserer Gegend verbreitet. So kam es, dass wir Kinder uns auf dem Schulweg mit Stöcken bewaffneten. Einige der grösseren Kinder sagten uns jüngeren, was wir zu tun hätten im Fall, dass uns ein tollwütiger Fuchs begegnen würde. Wir müssten ihm den Stock hinhalten, damit er dort hineinbeisst und nicht in unsere Beine. Schon fast wünschten sich die grösseren, dass sie so ein Fuchs einmal zu Gesicht bekamen. Doch dies traf nie ein. Diese Tollwutzeit war für mich aber auch eine willkommene Abwechslung. Ich wurde auf dem Schulweg bedeutend weniger gehänselt. Das Augenmerk meiner Schulwegkameraden war nun auf etwas anderes gerichtet.
Jahreszeiten
Ich war schon als Kind sehr naturverbunden. Deshalb liebte ich alle Jahreszeiten. Ich freute mich besonders immer auf den Winter. Obwohl dieser meist sehr schneereich und kalt war. In den ersten Wintern meiner Schulzeit fiel besonders viel Schnee. Es waren die Winter 1967/1968/1969. Es gab auch ein paar Tage, da konnten wir wegen des vielen Schnees nicht zur Schule gehen. Im Winter fuhren wir mit den Skirs zur Schule. Oder mit dem Schlitten. Da es bis zu unserem Haus keine Strasse gab, die hätte gepflügt werden können, halfen uns die Skirs, um über die dicke Schneedecke zu laufen. Vater brauchte jeweils etwa 2 Tage Zeit, um begehbare Wege zu der gepflügten unteren Schönenberg-Strasse zu schaufeln. Nach einem langen Winter konnte ich dann den Frühling kaum mehr erwarten. Ich freute mich über jedes schneefreie Fleckchen, das sich gegen Ende März am Waldrand bildete. Bis dann der Frühling endgültig da war, schneite es aber meistens noch bis in den April hinein. Auf zwei unserer Obstbäume, hatte es Starenkästen. Jedes Jahr erwartete ich die Ankunft der Staren. Der Gesang, das Gezwitscher und die Lebendigkeit dieser weit gereisten Vögel hatte es mir besonders angetan. Dies ist bis heute so geblieben. Jedes Jahr beobachte ich die Rückkehr dieser gefiederten Freunde. Der Sommer war wie der Herbst für mich als Kind ebenso interessant und ersehnt. Ich freute mich an den Beeren, dem Obst und den Lindenblüten. Beeren suchen und Obst ernten waren meine Lieblingsarbeiten. Dies tat ich lieber als beim Heuen auf der Wiese mitzuhelfen. Beim Holzen im Herbst war ich gerne dabei. Später als grösserer Bub machte ich gerne "Büscheli". Dies sind speziell für den Kachelofen angefertigte Holzbündel aus unterschiedlich dickem Holz. Dieses Handwerk habe ich von Grossvater und Vater gelernt. Im Frühling und Sommer gingen alle Bauernkinder barfuss. Dies liebte ich aber gar nicht. Meine Füsse waren dafür zu empfindlich. Es stach mich zu sehr. Sogar zum Heuen zog ich manchmal Gummistiefel an. Besonders wenn ich auf dem Heuwagen das Heu stampfen musste, damit es schöne Heu-Fuder gab.
Sektenbub
Wir als Familie hatten ja, wie schon erwähnt, einen anderen Glauben als die anderen. In der Glaubensgemeinschaft, die vor allem meine Mutter und die Grosseltern und später auch wir Kinder besuchten, war zum Beispiel das Taufen von Kindern verpönt. So etwas wurde als unbiblisch angesehen. In unserer Gemeinschaft musste man sich bekehren, um ein richtiger Christ zu sein. Nur bekehrte Erwachsene wurden getauft. Dies durch vollständiges Untertauchen in Wasser, in einem Bassin, Brunnentrog oder Bach. Es wurde uns beigebracht, dass die Traditionen der Landeskirchen wie Kindertaufe und Konfirmation, grundfalsch seien. Leider wurde besonders auf Unterschiede zu unserem Glauben hingewiesen. Dass es auch Gemeinsamkeiten geben könnte zwischen unserer Glaubensgemeinschaft und dem, was meine Kameraden in der Kirche mitbekamen, wurde uns vorenthalten. Dies merkte ich erst später. Das erste Mal vielleicht, als ich in der Schule im Fach "Biblische Geschichte" - wo ich immer eine blanke 6 im Zeugnis bekam - dieselben Geschichten zu hören bekam wie in unserer Sonntagschule, oder von der Grossmutter. Ich war aber lange Zeit fest davon überzeugt, dass unsere Familie praktisch als einzige auf dem Schönenberg den richtigen Glauben hatte. Als logische Folge davon, alle anderen Familien den Falschen. Diese Meinung habe ich dann als Erstklässler auf dem Schulweg auch lauthals vertreten. Ich wusste es nicht anders! Und wen wundert's, - ich wurde auch immer wieder danach gefragt. Besonders von älteren Schülern, die es halt lustig fanden, wenn ich ihnen in meiner offenen, kindlichen Art alles erzählte, was ich so wusste. Mit der Zeit habe ich dann schon gemerkt, dass ich besser nicht zu viel davon rede. Es gab schon genügend andere Gründe um von den anderen und vor allem auch älteren Schulwegkollegen gehänselt oder manchmal auch geplagt zu werden. Ich hörte auf dem Schulweg von den anderen, dass sie meinten wir seien "Sektler" (Sektierer). Was eine Sekte ist, wusste ich nicht. Ich wollte nicht "Sektler" genannt werden. Grossvater und Mutter versicherten uns Kindern, dass wir nicht zu einer Sekte gehören. Doch dies schien uns niemand zu glauben. Deshalb mied ich das Thema vom Glauben dann mit der Zeit doch lieber, obwohl es in mir drinnen allgegenwärtig war. Es gab zwar auch später noch gewisse "Ausrutscher". So zum Beispiel die Behauptung von mir - ich wusste es halt nicht anders und wurde so gelehrt - dass Blutwürste essen Sünde sei. Nach solchen Aussagen kochte der Pausenplatz förmlich um mich herum. Spottend wurde ich eingekreist und mit Fragen bombardiert. Dies war dann auch für meine Geschwister alles andere als schön. Auch sie mussten wegen mir einiges Unangenehmes über sich ergehen lassen. Natürlich gelangten solche "Glaubenssätze" von mir dann rasch auch zum Lehrer. Dieser konnte es dann nicht immer lassen, auch noch ein wenig Öl ins Feuer zu giessen. So war dann nach der Schule der Heimweg für mich manchmal eine qualvolle Angelegenheit voller Schmach und Demütigungen. Ich möchte aber meinen Lehrer deswegen nicht schlecht machen. Er hatte viele guten Seiten und zudem war er ein junger Lehrer ohne viel Erfahrung. Als Lehrer von 8 Klassen im selben Schulzimmer hatte er so schon genug um die Ohren. Da konnte er nicht auch noch auf meine sensiblen Gefühle Rücksicht nehmen. Er hat denn auch versucht mit humorvollen Fragen die Situation zu glätten. Dies war lustig - für die anderen. Mein Lehrer hat mich dafür im musikalischen Bereich gefördert. Offenbar hat er gemerkt, dass es bei mir doch auch noch einen Bereich gibt, wo ich eine Begabung hatte. Heute würde ich wahrscheinlich als sogenanntes "verhaltensoriginelles Kind" von verschiedenen Fachpersonen therapiert werden.
Die Schulzeit in der 5.- und 6. Klasse ist mir um vieles Positiver in Erinnerung, als die vorangegangenen Schuljahre. Nun gehörte ich zu den älteren Kindern. Etwa ab dem Jahr 1970 war es nach Gesetz nicht mehr erlaubt, Gesamtschulen mit 8 Klassen zu führen, so wie auf dem Schönenberg. Etwas später kam dann auch noch dazu, dass man freiwillig ein 9. Schuljahr absolvieren konnte. So wurde die Schule im Schönenberg nur noch von Schülern aus der 1. -bis zur 6. Klasse besucht. Die älteren Kinder mussten nach Wattwil zur Schule gehen. Es wurde ein Schulbus-Betrieb eingeführt. In meiner Klasse waren wir nur zu zweit. Ein Nachbarsmädchen und ich. In der Klasse nach mir, waren immerhin 6 Schüler und Schülerinnen. Natürlich gab es auch in dieser Zeit Konflikte. Aber ich konnte mich wehren. So gut, dass ich nun manchmal selbst zum «Täter» wurde und Dinge sagte und tat, für die ich mich heute schäme. Es war der Beginn der Zeit, wo ich wie in zwei Welten lebte. Einerseits in der Alltags-Umgebung. Und andererseits in der ich nenne es mal «Kirchenumgebung». Wobei mit Kirche immer noch die Pfingstgemeinschaft gemeint ist.
Eine meiner grössten Begabungen war über die ganze Zeit meiner Jugend, das Musizieren. Ich hatte das Glück, dass ich dabei von wohlwollenden Menschen gefördert wurde. Dies war, einerseits mein Lehrer und andererseits mein Onkel. Sie sorgten dafür, dass ich Musikstunden nehmen konnte. An diesen, sowie an der Anschaffung von Musikinstrumenten beteiligten sie sich auch finanziell. In der Glaubensgemeinschaft hatte ich auch verschiedene Möglichkeiten, mich musikalisch zu betätigen. Auch dort waren Gönner, die mich unterstützten und mir sogar Musikinstrumente schenkten. So bekam ich eine Altblockflöte, sowie eine klassische Gitarre geschenkt. Mein Onkel, der über Jahre meine Musikstunden bezahlte, ersetzte das alte Harmonium in unserer Stube mit einem Klavier, damit ich zu Hause üben konnte. Dieser Onkel war ein guter Sänger. Er liebte klassische Musik und nahm einige Jahre Gesangsstunden am Konservatorium in Zürich. In den Gottesdiensten der Glaubensgemeinschaft sang er etwa einmal im Monat klassische Lieder und Arien. Dazu begleitete ich ihn auf dem Klavier.
Geschichten
Geschichten, Bücher und Aufklärung
Geschichten zu hören waren in meiner Kindheit sehr schöne Momente. Besonders meine Grossmutter war eine begabte Erzählerin. Ich sehe sie heute noch auf ihrem Sessel, auf dem sie fast den ganzen Tag sass. Sie strickte, oder las. Bevor sie uns Kindern jeweils eine Geschichte erzählte, las sie diese zuvor aufmerksam für sich durch. Ich weiss nicht mehr so genau, woher meine Grossmutter diese Geschichten jeweils nahm. Schon im «Netzwerk» der damaligen Glaubensgemeinschaften war es üblich, verschiedene Literatur zu verbreiten. So existierten Kataloge mit Literaturangeboten, Zeitschriften und Traktate. Wahrscheinlich machte meine Grossmutter rege davon Gebrauch. Sie konnte ja kaum mehr gehen und war an das Haus gebunden. Deshalb war der Pöstler wahrscheinlich der hauptsächlichste Überbringer ihrer Schriften.
Später, als wir Kinder dann in die Schule gingen, durften wir in der Schulbibliothek Bücher ausleihen. Diese Bibliothek befand sich hinter einer schwenkbaren Wandtafel. Sie bestand aus drei Bücherregalen von etwa 1.20m Breite. Ein Regal mit Bilderbüchern für die jüngeren Schüler und zwei Regale mit Büchern für ältere Kinder. Einmal pro Woche durften wir Bücher ausleihen. Neu hinzu gekommene Bücher wurden uns vom Lehrer meistens kurz vorgestellt.
Unserer Mutter gefielen nicht alle Bücher, die wir nach Hause brachten. Beeinflusst von der Glaubensgemeinschaft, betrachtete sie damals gewisse weltliche Literatur als eher schädlich für uns «gläubige Kinder». Dies war von ihr nicht boshaft gemeint, obwohl es deswegen öfters zu Konflikten zwischen ihr und besonders uns Buben kam. Später, in der Oberstufe hatten mein Bruder und ich Gelegenheit, von Kollegen Bücher auszuleihen. Es waren aus heutiger Sicht harmlose und spannende Bücher. So etwa «Winnetou» von Karl May und ähnliche. Es fiel Mutter manchmal auf, dass wir freiwillig früher zu Bett gingen. So erwischte sie uns, als wir dort diese Bücher lasen. Sie redete uns ins Gewissen und gebot uns, diese "Schundliteratur", wie sie es nannte, nicht mehr zu lesen. Was sollten wir tun? Der Mutter gehorchen, oder unserer natürlichen Neugier gemäss, weiterlesen?
Die Bücher waren für mich das Eine. Doch es kam auch noch etwas anderes dazu. Nämlich die erotische Literatur in Form von Zeitschriften. Die harmloseste davon war das «Bravo». Was ich dort drinnen sah und las, war meine eigentliche Aufklärung. Nie hätte ich mich getraut, ein «Bravo» zu Hause irgendwo liegen zu lassen. Ich weiss heute noch, wo ich sie jeweils versteckt habe, um sie dann heimlich zu lesen.
In unserer Glaubensgemeinschaft hatte es einen sogenannten Büchertisch. Eigentlich war es eher ein kleiner Buchladen. Dort wurden christliche Bücher angeboten. Der Verkauf dieser Bücher fand jeweils nach den Gottesdiensten, oder den Bibelstunden unter der Woche statt. Es hatte darunter gute Bücher. Auch für Kinder. Manch ein Geburtstags – und Weihnachtsgeschenk wurde dort gekauft. Auch die Bibeln, die wir auf Weihnachten geschenkt bekamen, stammten von dort. Mutter kaufte für uns Buben an diesem Büchertisch auch ein Aufklärungsbuch. Im Gegensatz zu dem, was ich in den Bravo-Heften las und auch schon anderweitig in Erfahrung gebracht hatte, war dieses Buch aus heutiger Sicht eher schädlich als nützlich. In diesem Buch wurde Sexualität, nebst undeutlicher Beschreibung vor allem als Sünde dargestellt. Trotz dieser «geistlichen» Aufklärung war es halt so, dass die jugendlichen Gefühle stärker waren, als der Wille, diesem Buch zu gehorchen. So kam es zu unnötigen Schuldgefühlen und Heimlichkeiten. Aber auch zu Vorkommnissen in Bezug zu gleichaltrigen Kindern, die heutzutage wohl als übergriffig eingestuft würden und es auch waren.
Nachbarn und Hütten
Nachbarn, Schulwegstreit und Hütten
Als mein Bruder und ich noch recht klein waren – vielleicht so etwa in der zweiten und dritten Klasse – begannen wir einen grossen Traum zu träumen. Nämlich den, von einer eigenen Hütte. Wir haben davon von älteren Schülern gehört, die davon schwärmten und so eine Hütte hatten. Dies musste etwas vom grössten sein, dass es für einen Buben gibt. Werner und ich haben zu gewissen Zeiten zu Hause fast nur noch über diese - unsere zukünftige - Hütte gesprochen. Wir begannen, dafür Holz zu sammeln. Dazu suchten wir den ganzen Estrich ab. Auch die Scheunen und den Schopf. Dabei kam aber nicht so viel zusammen. Und das was wir fanden, waren ziemlich kleine Brettlein und Leisten.
Vater liess für den Eigengebrauch manchmal einen oder zwei Holzstämme in der Sägerei in Ricken zu Brettern sägen. Die äussersten Bretter dieser Holzstämme nannte man «Schwarten». Sie waren also nicht eigentliche Bretter, sondern hatten eine flache und eine runde Seite. Sie konnten nicht wirklich für eine Reparatur an einer Scheunenwand eingesetzt werden. Diese Schwarten zersägte Vater dann und machte sie zu Brennholz. Ein paar wenige von diesen haben wir dann auch gefunden. Ich glaube, dass wir die Idee, dass man aus Schwarten eine Hütte bauen kann, entweder von den älteren Buben in der Schule, oder sogar von Vater hatten. Auf jeden Fall hörten wir nicht auf zu betteln, dass uns Vater doch in der Sägerei beim nächsten Mal Holzsägen, viele Schwarten mitbringen möge. So schnell erfüllte sich dieser Wunsch allerdings nicht. Das sammeln von Schwarten ging nur langsam voran. Wir Buben wurden sogar einmal selber beim Säger vorstellig und fragten ihn nach Schwarten. Er versprach uns, dass er für uns diese auf die Seite legen würde. Tatsächlich kamen wir nun zu so vielen ersehnten Schwarten, dass sie auf unserem Einachser-Anhänger kaum Platz hatten.
Es konnte also losgehen. Wir durften einen Platz aussuchen im kleinen Wäldchen, knapp hundert Meter oberhalb unseres Hauses. Vater hat uns beim Bau der «Schwartenhütte» tatkräftig unterstützt. Besonders bei den Wänden und dem Boden. Die Hütte gelang prächtig, wir hatten grosse Freude daran und verbrachten viel Zeit in und um sie herum. Ich denke, dass ich damals etwa zehn jährig war. Nebst dieser Hütte bauten Werner und ich auch noch einen Hochsitz aus Strohballenschnüren auf einer hohen Tanne, die ebenfalls in dem kleinen Wäldchen stand.
Eine weitere Hütte, ganz anderer Art, entstand auf einem Nachbarsgrundstück. Dieses gehörte einem Mann, Namens Emil. Diesen kannten wir gut. Er gehörte auch zu der Glaubensgemeinschaft unserer Familie. Wir mochten ihn sehr gut. Seinen Bauernhof bewirtschaftete er zusammen mit seiner Schwester. Dass die Beiden nicht ein verheiratetes Paar waren, so wie unsere Eltern, realisierten wir Kinder erst später. Nach aussen wirkten sie wie ein gut eingespieltes Ehepaar. Sie waren beide sehr nett und grosszügig. Ein Waldstück seines Hofes reichte bis zu der neu erbauten Strasse, welche unser Schulweg war. Deshalb merkten unsere Eltern und auch die Eltern der Nachbarskinder nicht, dass wir dieses kleine Waldstück sozusagen beschlagnahmten, um dort eine Hütte zu bauen. Wir fällten grosse Stauden und kleine Bäume. Aus den dickeren Stämmen machten wir Pfähle und schlugen diese in den Boden. Die Pfähle verbanden wir mit Ruten und Ästen. So entstand ein Geflechtartiger Bau mit einigen Kammern. Was fehlte war ein Dach. Es war also nur eine Schönwetter-Hütte. Unsere Eltern hatten aber mit der Zeit mitbekommen, dass wir dort in dem Wäldchen etwas gestalteten und uns oft dort aufhielten. Also schaute Vater einmal nach. Er erschrak, als er dieses Werk sah. Wir mussten auf sein Geheiss hin zu Emil gehen und ihm sagen, was wir gemacht hatten. Emil störte unser Bau in seinem Wald aber überhaupt nicht. Er sagte uns sogar Danke, dass wir die Stauden geschnitten haben.
Nach etwa 2 -3 Jahren waren wir Buben mit den bis jetzt gebauten Hütten nicht mehr wirklich zufrieden. Sie hatte aus unserer Sicht zu viele Mängel. Sie standen zu nahe an unserem Elternhaus. Sie waren uns zu klein geworden. Man konnte nicht in ihnen schlafen und auch nicht kochen.
Unsere Nachbarsfamilie im Lindboden – das ist der nächst gelegene Bauernhof, in Richtung Ricken – hatte zwei Buben in unserem Alter. Auch sie hatten grosses Interesse am Thema Waldhütte. So beratschlagten wir auf dem Schulweg dieses Thema denn auch ausgiebig.
Die Schuljahre ab der Mittelstufe änderten einiges in meinem Leben. Die Zeit, wo ich mich wegen meines Andersseins in Bezug auf den Glauben und die Herkunft meiner Mutter, ausgegrenzt fühlte war grösstenteils vorbei. Ich fühlte mich in dieser Kindheitsphase meinen gleichaltrigen Kameraden zugehörig. Ich hatte auch gelernt, mich zu wehren. Obwohl ich klein gewachsen war, hatte ich mir zwischenzeitlich angeeignet, nicht alles einfach hinzunehmen. Als mir einmal ein älterer Schüler den Schlitten wegnehmen wollte, schlug ich mit diesem Schlitten heftigst um mich und traf ihn so fest, dass er zusammensank. Darüber und auch über gewisse andere Ausraster von mir erschrak ich selber am meisten. Doch ich verschaffte mir so auch Respekt und es wollte mich kaum mehr jemand plagen.
Trotzdem war es aber schon so, dass ich wie in zwei verschiedenen Welten lebte. Einerseits in der Welt des Schönenbergs, mit meinen Kameraden und Mitschülerinnen. Andererseits im «Netzwerk» der Glaubensgemeinschaft, die wir nun praktisch jeden Sonntag im Dorf Ebnat-Kappel besuchten. Diese reglmässigen
Gottesdienste der Glaubensgemeinschaft lösten allmählich die Tradition der Hausversammlungen ab. Dort, in der Sonntagschule dieser Glaubensgemeinschaft war ich der angepasste Junge, der gerne sang, musizierte, lernte und mitmachte.
Das Hüttenbauen aber gehörte in die Welt vom Schönenberg. Eine andere Nachbarsfamilie, deren Bauernhof in die andere Richtung lag, hatte zehn Kinder. Ihre Kinder in unserem Alter waren alles Mädchen. Einzig das Älteste Kind dieser Familie war ein Bub. Dieser war acht Jahre älter als ich. Er war mir ein grosses Vorbild in Bezug auf meinen «Hüttentraum». Er hatte sich eine grosse, schöne, zweistöckige Waldhütte gebaut. Diese bestaunten wir jüngeren Buben und es war unser grosser Wunsch, auch so eine schöne Hütte zu haben.
Die Mädchen waren gute Freundinnen meiner Schwestern. Auch wir Buben kamen im Allgemeinen recht gut mit ihnen aus. Und unsere Eltern hatten einen guten nachbarschaftliche Kontakt zu dieser Familie. Leider kam es auf dem Schulweg manchmal auch zu Streitereien. In diese Gehässigkeiten waren Kinder verschiedener Familien verwickelt. Unsere Nachbars-Mädchen mussten ab und zu auf dem Schulweg einiges erdulden. So kam es einmal vor, dass der Vater dieser Mädchen uns Buben zur Rede stellte und uns ermahnte, mit seinen Mädchen anständig umzugehen. Dies wirkte dann jeweils für eine gewisse Zeit. Auch unser Vater und andere Nachbarn "mischten" sich manchmal ein und versuchten, ihre Kinder zu verteidigen. So gerieten auch die Eltern manchmal hintereinander, wegen der Streitigkeiten ihrer Kinder.
Dass ich diese Begebenheiten an dieser Stelle – also wo es ums Hüttenbauen geht – beschreibe, hat seinen Grund. Dieser Nachbar hatte eine alte Scheune abgebrochen. Aus diesem Abbruch resultierte viel Altholz. Es waren auch viele gut erhaltene Bretter dabei. Dies sahen wir Buben. Und in unserem «Hüttenfieber», wie es unsere Eltern manchmal nannten, wünschten wir nichts mehr, als diese schönen Bretter zu bekommen. Also gingen wir zu diesem Nachbarn und fragten ihn danach. Seine Antwort war, dass er uns diese Bretter gerne geben wolle, wenn wir ihm versprächen, nie mehr mit seinen Mädchen zu streiten. Dieses Versprechen gaben wir hoch und heilig ab. Und haben es wirklich auch eingehalten. Dazu kam natürlich auch, dass wir mit zunehmendem Alter in Richtung Teenager, so langsam aber sicher ein gewisses Interesse an Mädchen bekamen, das uns früher als jüngere Buben fremd war.
Das Holz für eine neue Hütte hatten wir also nun zugesagt bekommen. Nun brauchte es aber noch die Einwilligung unserer Väter. Unser Vater war soweit nicht dagegen. Er verlangte aber, dass wir zuerst die alte Hütte abbrechen müssen. Dies war uns recht. Auch dieses Holz wollten wir bei der neuen Hütte wieder verwenden. Wir hatten schon eine Idee, wo wir die neue Hütte hinbauen könnten. Nämlich im Wald, zwischen den beiden Bauernhöfen. Dieser Platz lag ziemlich in der Mitte unserer Elternhäuser. Es bestand kein Sichtkontakt. Weder zum einen, noch zum anderen Haus. So fühlten wir uns geschützt vor elterlicher Kontrolle. Auch der Nachbarsvater sagte zu. Und so konnte unser Werk beginnen. Es gelang prächtig. Beim Einbau eines alten Eisenherdes half uns der Nachbar. Wir hatten in dieser Hütte alles, was unsere Bubenherzen begehrten. Ein Tisch, Bänke, Matratzen, Decken, Geschirr und vieles mehr. An den Wochenenden schliefen wir oft in dieser Waldhütte. Draussen vor dieser Hütte hatten wir auch eine Feuerstelle und ein grosses Holzlager. Es gab auch eine Hütteneinweihung, zu der unser Nachbar einlud und an der auch unsere Eltern und die «Holzsponsoren» eingeladen waren.
Diese Hütte war für uns Buben eine Zeit lang fast so etwas wie ein zweites Zuhause. In manchen Nächten schliefen wir dort. Auch Dinge wie im Bach gefangene Forellen braten, Mädchen einladen usw. gehörten dazu. Ebenso wie das ausprobieren von Raucherwaren und Alkohol. Aber wir machten auch ganz praktische Lebenserfahrungen wie kochen auf dem Feuer und handwerklich zu arbeiten.
Auch später, als ich schon in die Lehre ging, suchte ich diese Hütte noch auf. Dann eher alleine. Sie war ein Rückzugsort für mich. Auch gewisse «unanständige» Literatur versteckte ich dort. So kam es vor, dass ich einerseits in der Bibel las und betete und andererseits mich mit dieser «verbotenen» Literatur beschäftigte. Mit der Zeit verlor ich den Bezug zu den Kameraden auf dem Schönenberg aber immer mehr. Meine Kollegen im Dorf Wattwil, die ich von meiner Lehrstelle her kannte, wurden mehr und mehr zu meinem Freundeskreis. Zudem war ich immer noch stark mit der Glaubensgemeinschaft in Ebnat-Kappel verbunden. So lebte ich nach wie vor wie in zwei verschiedenen Welten. Im Nachhinein bedauere ich diesen Kontaktabbruch manchmal. Ich habe später auch nicht mitgeholfen, diese Hütte abzubrechen und den Platz zu räumen. Irgendwie liess ich es einfach versanden. Die Jugendzeit nahm ihren Lauf und schliesslich zog ich schon während der Lehre in den Kanton Thurgau, wo ich wiederum neue Leute kennen lernte.
Neue Wege
Abschlussklasse und Lehre
Nach der sechsten Klasse musste auch ich nach Wattwil zur Schule. Diese Schuljahre waren für mich nicht streng. Der Lehrer war über 60 Jahre alt. Er war ruhig und bedacht. Er wirkte zwar manchmal etwas müde und verlangsamt. Aber ich schätzte ihn. Wir Buben hatten 2 Tage in der Woche «Werken und Gestalten» in den schuleigenen Werkstätten im Keller des Schulhauses. Aufgeteilt in einen Tag «Holzbearbeitung» und einen Tag «Metallbearbeitung». Unser Lehrer gab uns jeweils am Morgen, und am Nachmittag, bei Schulbeginn, Anweisungen und zeigte uns vor, was wir machen sollen in den Stunden. Dann waren wir oftmals uns selber überlassen. Der Lehrer ging dann offenbar einer anderen Tätigkeit nach. Soviel wir wussten, gab er auch an der Berufsschule Unterricht. Darauf bereitete er sich in diesen «Werk – Stunden» jeweils vor. Derweil ging es bei uns in den Kellerwerkstätten dann manchmal schon recht chaotisch und ungeordnet zu und her.
Die Mädchen besuchte währenddessen Fächer wie «Hauswirtschaft», «Handarbeit» und «Kochen». Besonders an unserer Klasse war, dass wir für unseren Lehrer das erste Mal eine «gemischte» Klasse darstellten. Nämlich, Katholische und Reformierte zusammen. Dies war im Jahr 1973. Der Lehrer hat bis dahin als Katholik nur katholische Schüler unterrichtet. Einige Reformierte Kameraden waren der Ansicht, er bevorzuge deswegen die katholischen Schüler. Ich hatte diesen Eindruck aber nicht. Was mich überraschte, waren gewisse Aussagen von ihm, welche das Themen Glauben betraf. Er sagte, dass ja sowieso am Schluss einmal alle in den gleichen Himmel kommen würden. Dabei meinte er auch diejenigen Schüler, die es in unserer Klasse auch noch gab. Nämlich ein muslimisches Türkenkind und ein Tibeter-Bub. Solche Aussagen überraschten mich schon ein wenig. Ich hatte von zu Hause ein anderes Glaubensverständnis mitbekommen. Doch irgendwie gefiel mir diese Toleranz des altgedienten Lehrers. Ich konnte ihm innerlich zustimmen, obwohl ich bis anhin anders gelehrt wurde .
Nach der obligatorischen Schulzeit, welche damals nur 8 Jahre dauerte, wollte ich nicht noch ein freiwilliges 9. Schuljahr absolvieren. Dies wäre eigentlich die Empfehlung des Lehrers und auch des Berufsberaters gewesen. Es ergab sich aber so, dass mein Vater froh war, wenn er mit mir auf dem Bauernhof eine vorübergehende Hilfe hatte. Ab dem Frühling 1975 war ich also für 6 Monate «Bauernknecht». Heuen und Maschinenarbeit waren zwar immer noch nicht so mein Ding. Doch der Umgang mit den Tieren gefiel mir. Und auch das Rüsten von Brennholz gefiel mir eigentlich recht gut. Zudem hatte ich viel mehr Spielraum für meine Hobbies, als noch zu Schulzeiten. So begleitete ich am Klavier einen gemischten Chor in unserer Glaubensgemeinschaft. Ebenso war ich in einem Gitarrenchor aktiv und besuchte die Jugendgruppe. An den Sonntagen hatte ich in den Gottesdiensten meistens eine musikalische Aufgabe. Mein Umfeld in diesem halben Jahr war also die Familie und die Glaubensgemeinschaft. Auch finanzierte mein Onkel weiterhin Musikstunden für mich. Das Verhältnis zu meinen Eltern war in dieser Zeit recht gut. Vater war froh um meine Hilfe und Mutter war stolz, dass ihr Sohn im Gottesdienst Musik machte. Mit meinem kleinen Lohn, den mir mein Vater bezahlen konnte, kaufte ich mir Bücher und einige Werkzeuge.
Ich hatte vor, ab dem Frühling 1976 eine Lehre zu beginnen. Das Spektrum der Berufswünsche reichte von Schreiner, über Kondukteur bis zu Briefträger. So bewarb ich mich im Verlaufe des Sommers als Briefträger. Ich musste nach St.Gallen zu einem Vorstellungsgespräch. Ich bekam jedoch noch während des Gespräches eine Absage. Im Schulzeugnis standen zu viele Bemerkungen wie: »Dani träumt zu viel und arbeitet zu wenig». Oder: «Die Hausaufgaben haben oft gefehlt». So nahm ich mir vor, mich weiter zu bewerben. Aber ich suchte auch noch eine Arbeit für das Winterhalbjahr, wo es auf dem Bauernhof deutlich weniger zu tun gab.
Im Toggenburg florierte damals noch die Textil-Industrie. Es hatte im Tal einige dieser Textil- Fabriken. In diesen Betrieben waren hunderte von Menschen beschäftigt. Von dem, was diese Fabriken produzierten, hatte ich keine Ahnung. Gemäss meiner Erinnerung wurde in meiner Abschlussklasse auch nicht darüber gesprochen. Wahrscheinlich wäre die Berufswahl dann im freiwilligen 9. Schuljahr ein Thema gewesen. Also telefonierte ich mit dem Personalbüro der grössten Fabrik, von der mein Vater sagte, dass diese immer Leute brauchen. Da hatte mein Vater recht: ich konnte sofort beginnen. Es war eine Arbeit in der Färberei des Textilunternehmens Heberlein. Diese Unternehmung beschäftigte in dieser Zeit rund 3'000 Mitarbeiter. In der Textilveredlung, zu der die Abteilung Färberei gehörte, waren es 700 Leute. Ich wurde als sogenannter Jugendlicher Arbeiter zu einem Stundenlohn von 4 Franken angestellt. Die Arbeitszeit betrug 9 Stunden pro Tag. Die viertelsündige Znüni-Pause musste vorgeholt werden. Also war meine Arbeitszeit: 07.00 – 12.00 / 13.00 – 17.15. Ich konnte gratis in einem Firma VW-Bus mitfahren. Dies vom Dorf Ricken aus. Diese Möglichkeit benutzte ich aber nicht allzu oft. Ich fuhr meistens mit dem «Töffli» (Mofa) zur Arbeit. So konnte ich nach der Arbeit noch Läden besuchen und in die Klavierstunde gehen.
Nebst den Vorgesetzten und Vorarbeitern in meiner Abteilung Färberei, war auch der vollamtliche Lehrlingsausbildner der Firma für mich zuständig. Dieser hat mir schon vor dem ersten Arbeitstag eine Lehrstelle angeboten. Als ich im Herbst 1975 anfing zu arbeiten, war der Lehrvertrag für den Frühling 1976 bereits abgeschlossen. Eine kurze Betriebsbesichtigung mit anschliessender Besprechung genügte dafür. Schnuppern war nicht nötig, oder damals auch noch nicht üblich. Als Jugendlicher Arbeiter bekam ich ja genug Einblick in den Beruf, den ich erlernen sollte. Und dies war tatsächlich auch so. Die Arbeit war interessant und abwechslungsreich. Ich lernte bereits Lehrlinge kennen und bekam schon viel Einblick ins Arbeitsleben einer Textilfabrik. Die Vorgesetzten waren mit mir sehr zufrieden. Ich durfte verschiedene Maschinen bedienen. Nach etwa 3 Monaten bediente ich eine grosse Produktionsanlage, welche sonst nur Gelernte, oder Dritt-Jahr-Lehrlinge bedienen durfte. Darauf war ich auch später während der Lehre noch stolz. Es wurden dort sehr teure Stoffe veredelt. Ich bekam 1 Franken mehr Stundenlohn dafür. Also nicht mehr vier, sondern jetzt fünf Franken. Was für mich während dieser Zeit auch sehr interessant und neu war, dass ich mit Menschen aus verschienenen Ländern in Kontakt kam. Dies waren hauptsächlich Italiener, Spanier und Türken. Auch andere, wie Tibeter und einige aus dem Balkan gehörten dazu.
Nach diesem Fabrik-Halbjahr begann also meine Berufslehre. Im Betrieb war ich stets beliebt und meine Arbeit wurde geschätzt. Der wöchentliche Schultag an der Gewerbeschule machte mir aber in den ersten zwei Lehrjahren zuweilen grosse Mühe. Ich hätte deswegen fast die Lehre aufgegeben. Doch mein Lehrlingsausbildner und auch der Personalchef wollten dies unbedingt verhindern. Dafür bin ich ihnen heute noch dankbar. Der Lehrlingsausbildner bot mir an, mit dem Schulstoff zu ihm zu kommen. Er wolle mir gerne dabei helfen. Dieses Angebot habe ich denn auch einige Male genutzt. Das dritte Lehrjahr ging dann als Resultat dieser Hilfe und des Wohlwollens auch in der Schule sehr gut. Die Lehrabschlussprüfung schaffte ich mit guten Noten.
In den ersten zwei Lehrjahres war ich parallel zum Arbeitsleben stets engagiert in der Glaubensgemeinschaft. Für mich war es immer noch wie ein Leben in zwei verschiedenen Welten. Im Arbeitsleben sprach ich kaum von meinem Leben in der Freizeit. Es war mir eher peinlich, wenn jemand herausfand, dass ich zu einer Glaubensgemeinschaft gehörte. Es gab auch ein paar Menschen in der Fabrik, die ebenfalls dazu gehörten. Weil mich diese kannten und deshalb auch mal ansprachen, war es aber nicht immer möglich die Zugehörigkeit zu verbergen. In der Gemeinschaft geschahen ab und zu Dinge, die mich verletzten. Ich wurde auch wegen meinem Aussehen kritisiert. Meine Haare waren den einen zu lang. Auch mein Musikstil kam ab und zu in die Kritik. Mein Klavierspiel war ihnen zu «groovig». So bekam ich mehr und mehr einen Widerwillen, mich zu engagieren. Nach dem ersten Lehrjahr musste ich mich entscheiden, auf welcher Berufsausrichtung ich beim Beenden der Lehre meine Lehrabschlussprüfung machen wollte. Es gab drei Möglichkeiten: 1. In der Färberei. 2. In der Druckerei, oder 3. In der Appretur. Da die Arbeit in der Druckerei auf Schichtbetrieb beruhte, wählte ich diese Richtung. Das Schichtarbeiten gab mir die Möglichkeit, mich in der Glaubensgemeinschaft mit guten Begründungen zurückzuziehen. Ich musste ja jede zweite Woche bis um 23.00 arbeiten. So sagte ich mehr und mehr musikalische Anfragen ab. Dies rief manchmal einen gewissen Unmut bei meinen Mitchristen hervor. Und so entstand ein Kreislauf von unerfüllten Erwartungen und Enttäuschungen. Es kam der Tag, wo ich entschloss, mich ganz aus der Glaubensgemeinschaft zurückzuziehen. Ich begründete diesen Entscheid damit, dass ich nicht mehr an Gott glaube. Demonstrativ begann ich zu rauchen. Ich las gewisse Bücher, die einen anderen Glauben als denjenigen der Bibel lehrten.
Nun war ich also ein «Abgefallener». Diese Rolle machte mir einerseits ein wenig Angst. Andererseits genoss ich es, nun auch zum grossen Durchschnitt zu gehören und Dinge zu tun, die für mich vor dieser Zeit «verboten» waren.
Ich fand im Laufe der Zeit einen neuen Kollegen- und Freundeskreis. Dies war für mich sehr wertvoll. Hatte ich doch mit dem Verlassen der Glaubensgemeinschaft einige Freunde verloren. Innerlich war ich aber oftmals traurig und hin- und hergerissen. Besonders dann, wenn meine Mutter wegen meines Rückzuges weinte und dies einfach nicht verstehen konnte. Erklärungsversuche meinerseits waren zwecklos. Aber ich blieb dabei. Ich erklärte, dass ich alles bisher Geglaubte über Bord geworfen hätte und nicht mehr an einen Gott glaube. Schon gar nicht so, wie ich es bis jetzt kannte.
Meine Lehrfirma Heberlein Textildruck AG in Wattwil hatte im Thurgau noch einen weiteren Betrieb. Schon während der Lehre durfte ich dorthin wechseln. Es war üblich, dass dort ein Lehrling im dritten Lehrjahr als "Aussenlehrling" arbeiten durfte. Ich habe meinem Lehrlingsausbildner mitgeteilt, dass ich nicht ungerne von zu Hause ausziehen würde und gerne in Bürglen meinen Lehrabschluss machen würde. Er unterstützte mich bei diesem Vorhaben. Es gelang ihm auch, meine Eltern von den Vorteilen zu überzeugen, die eine solche Versetzung hatte. Er war der Ansicht, dass es mir gut tun würde in meiner beruflichen Entwicklung.
An meinen ersten Arbeitstag im Zweigbetrieb Bürglen, fuhr ich mit dem Mofa. Dies war eine Fahrt von etwa 1.5 Stunden. Es war der erste Tag nach drei Wochen Sommeferien, von welchen ich den grössten Teil auf einem Campingplatz in Italien am Meer verbrachte. Dies zusammen mit einem Kollegen. Mein Lehrlingsausbildner hatte mir vor den Sommerferien gesagt, dass ein Zimmer in Bürglen für mich organisiert sei. Wo diese Fabrik lag, hatte ich schon vorher einmal an einem Sonntagnachmittag mittels eines Mofa-Ausfluges ausfindig gemacht.
In dieser Zeit fuhr ich öfters Sonntags ganz alleine weite Strecken mit dem Töffli. So auf den Gotthard, oder nach Arosa. Also war Bürglen/TG nur eine kleinere Fahrt im Vergleich zu meinen grösseren Touren. In den Seitentaschen meines Töfflis führte ich stets mit, was ich so brauchte auf diesen Ausfahrten. Dazu gehörte nebst Regenschutz, etwas Werkzeug und einer Flasche Benzingemisch, auch eine Tube mit Öl, um das 2-Takt-Gemisch herstellen zu können. Denn so ein Mofa brauchte je nach Motorenmarke 2%, oder 4% Öl im Benzin. Nicht in jede Tankstelle war dieses Benzingemisch erhältlich. Also war ich ausgerüstet.
Nach den für mich langen Sommerferien also bei der Fabrik in Bürglen angekommen, meldete ich mich auf dem Büro. Ich habe diesen Betrieb vorher nicht von innen gesehen. Der Betriebsleiter fragte mich, wo ich denn nach Feierabend hingehen würde. Ich sagte, dass mir ein Zimmer versprochen sei. Davon wusste aber weder er, noch sonst jemand etwas. Irgendwie war da etwas untergegangen. Der neue Chef versprach mir, dass sich seine Sekretärin darum kümmern würde. Nun wurde ich an eine grosse Druckmaschine gebracht und durfte sofort mithelfen. Die Halle war gross und neuwertig. Die Leute sehr nett und ich fühlte mich sofort wohl. Der Maschinenführer des Teams, dem ich zugeteilt wurde, kam auch aus dem Toggenburg. Irgendwie muss es ihm leid getan haben, dass ich noch nicht wusste, wo ich schlafen konnte. Er sprach nach der Frühschicht, die um 15.00 endete mit der Sekretärin. Diese war fündig geworden und hat im Restaurant Bahnhof für mich ein provisorisches Zimmer gefunden. Hampi, der Maschinenführer, begleitete mich dorthin. Er kannte die Leute dort. So zog ich mit meinen Wenigkeiten in der Reisetasche in dieses Zimmer ein. Die Frühschicht des nächsten Tages begann um 06.00 morgens. Dies war eine Stunde später, als die Frühschicht im Hauptbetrieb in Wattwil. Der Schichtwechsel war um 15.00. Die Spätschicht dauerte bis Mitternacht. Ich lebte mich sehr gut ein in diesem Betrieb und wurde gefördert. Ich durchlief alle Abteilungen und lernte viel dazu.
Am Freitag hatte ich jeweils in Wattwil Gewerbeschule. Jedes Mal nach der Schule ging ich eine kurze Zeit ins Lehrlingslabor zu meinem Ausbildner. Dieser hatte immer ein offenes Ohr für meine Anliegen und motivierte mich sehr, meinen Weg zu gehen. Nachher verbrachte ich das Wochenende meistens zu Hause bei meinen Eltern und Geschwistern. Dass ich nicht mehr zu ihrer Glaubensgemeinschaft gehörte, war inzwischen zu einer gewissen Normalität geworden und es gab keine grossen Diskussionen mehr. Meine Eltern waren stets stolz auf meine erfolgreiche Arbeit im Beruf. Die Lehrabschlussprüfung schaffte ich bestens und auch die Autoprüfung schaffte ich schliesslich nach dem zweiten Anlauf.
Jugendzeit und Militär
Im Jahr 1980 musste ich die Rekrutenschule absolvieren. Als 1.60m grosser Bursche und dazu noch Raucher, hatte ich mit den körperlichen Anstrengungen des Militärs anfänglich eher etwas Mühe. Vom Turnen war ich seit der Oberstufe wegen meines Rückenleidens dispensiert. Ich rechnete bei der Ausmusterung nicht damit, als diensttauglich eingestuft zu werden. Zu meiner Überraschung wurde ich aber als Panzerabwehrkanonier eingeteilt und zur RS aufgeboten. Das Schiessen mit den verschiedenen Waffen und das Fahren verschiedener Motorwagen machten mir keine grosse Mühe. Aber das Turnen und sportliche Aktivitäten empfand ich als sehr mühsam. Märsche bewältigte ich gut. Vielleicht, weil ich als Kind schon viel laufen musste und viel in der Natur war.
Ich war ein frecher und vorlauter Rekrut. Viele meiner Kameraden fanden dies lustig. Und so war ich wie im Arbeitsleben auch im Militär recht gut aufgenommen. Ich war in mein Umfeld integriert. Zu meiner Überraschung bekam ich den Vorschlag, die Unteroffiziersschule zu absolvieren. Dagegen wehrte ich mich aber mit Erfolg. Ich versuchte, mich bei den Vorgesetzten so unbeliebt wie möglich zu machen, in dem ich noch frecher und vorlauter wurde. Nun - ich konnte verhindern, dass ich gezwungen wurde Unteroffizier zu werden. Für mein Verhalten in dieser Zeit schäme ich mich heute. Habe ich doch manch einen Vorgesetzten mit meinem dummen Geschwätz verletzt, oder mindestens kopfschüttelnd zurückgelassen.
Nach der Rekrutenschule blieb ich noch etwa ein Jahr bei meiner Lehrfirma Heberlein Textildruck in Bürglen/TG.
Äusserlich schien es mir gut zu gehen. Mein Bruder und meine ältere Schwester hatten in der Zwischenzeit geheiratet. Wenn ich nun an den Wochenenden nach Hause kam, war es mir manchmal schon fast etwas langweilig. Aber im Haus waren nebst den Eltern, noch meine jüngere Schwester und der behinderte Onkel, den meine Eltern betreuten und pflegten, bis zu seinem Lebensende. Es waren oftmals nur kurze Zeiten, wo ich wirklich zu Hause war. Die Samstagabende verbrachte ich im Ausgang mit Kollegen. Am Sonntag schlief ich aus und nach dem Mittagessen verabschiedete ich mich meistens, um wieder nach Sulgen in den Kanton Thurgau zu fahren. Dort hatte ich eine Einzimmerwohnung. In dieser war ich dann meistens allein. Ich hörte Musik, sah fern, rauchte, trank, oder konsumierte auch mal etwas Haschisch. Von diesem kaufte ich von Zeit zu Zeit eine kleine Menge. Ich verkehrte manchmal am Wochenende auch in Kreisen, in denen gekifft wurde. Gott sei Dank hat es mir diesbezüglich den Ärmel nicht so stark hineingenommen, wie einzelnen Kollegen von mir. An einem dieser Sonntagnachmittage hatte ich ein nachhaltiges Erlebnis. Nachdem ich etwas Haschisch geraucht hatte, bekam ich ein sogenanntes «Flash». Ich wusste, dass es dies geben kann. Einige Kollegen von mir erzählten schon davon. Diese Erzählungen klangen jeweils begeistert und positiv. So wie es tönte, muss dies ein schönes Erlebnis sein. Was ich aber an jenem Sonntagnachmittag erlebte, war alles andere als schön. Ein paar Minuten lang war es noch schön. Alles begann sich zu drehen. Ich sah i
n meinem Dilierium einen grossen Leuchter mit hunderten von kleinen Lämpchen daran. Der Leuchter und ich drehten sich. Zuerst langsam, dann immer schneller. Plötzlich sah ich mich in meinem "Traum" wie über den Raum fliegen und sah mich selbst auf dem Sofa liegen, auf dem ich mich befand. Aber dann wurde es dunkel um mich herum. Mir wurde elend und schlecht. Angst und Panik erfassten mich. Ich weiss nicht genau, wie lange dieser Zustand dauerte. Doch schliesslich erwachte ich wieder aus dieser «Psychose». Nachher musste ich erbrechen. Das war das letzte Mal, dass ich Haschisch geraucht habe. Ich habe den Vorrat, der in einer Langspielplattenhülle versteckt war, die Toilette runtergespült. Das war das Ende meiner Haschisch-Karriere. Gottseidank. Tabak und Alkohol begleiteten mich aber schon noch eine Zeit lang. Doch auch dies sollte sich bald ändern.
Zurück
Wunsch nach Veränderung
Die Zeit nach der Rekrutenschule war zum einen Teil schön und zu einem anderen Teil frustrierend. Schön war, dass ich nun nebst der Lehre auch die RS abgeschlossen hatte. Für meine Arbeit bekam ich einen guten Lohn. Mit diesem Geld konnte ich mir jetzt Sachen leisten, die ich mir vorher nicht leisten konnte. Trotzdem machte ich aber auch Schulden in Form von Kleinkrediten. Diese Schulden waren nicht sehr hoch. Aber im Nachhinein betrachtet doch unnötig. Der angemessene Umgang mit Geld, gelang mir nicht wirklich in dieser Zeit. Fahrstunden für die Autoprüfung, Anschaffung eines Autos und Ferien - alles fast zum selben Zeitpunkt - überstiegen meine Budget (diesen Ausdruck lernet ich viel Später kennen) Es kam nun auch die Einrichtung einer kleinen Wohnung und noch einiges andere hinzu. Ich arbeitete gerne und war stolz darauf, wenn ich Überstunden leisten konnte.
Worunter ich aber litt war, dass ich keine Freundin hatte. Obwohl, ich offen war dafür, gelang es mir einfach nicht, eine Beziehung zu beginnen. Ich hatte nebst meiner Offenheit, damals schon auch eine introvertierte Seite in mir. Es machte mir nicht viel aus, häufig alleine zu sein. Dies kam doch recht oft vor. Wegen der Schichtarbeit war es schwierig, in einem Verein mitzumachen. Das Zusammensein mit anderen Menschen beschränkte sich vorwiegend auf die Arbeitswelt und die Kollegen vom Wochenende. Es stellte sich so etwas wie ein Trott ein. Montags bis Freitag arbeiten im Kanton Thurgau. Samstag und Sonntag Zeit im Toggenburg im Kollegenkreis und zu Hause verbringen. Dies füllte meine Sehnsucht nach Sinn nur teilweise aus. Mir fehlte etwas. Im Grunde genommen wusste ich schon, was mir fehlte. Der Glaube. Ich habe in dieser Zeit auch ein paar Schriften gelesen über vedische Religionen (indische). Dadurch wurde meine Sehnsucht nach Sinn neu geweckt. Aber mit den in diesen Schriften beschriebenen Religionen konnte ich trotz anfänglichem Interesse nicht wirklich etwas anfangen.
Ich erinnere mich auch an ein Gespräch mit einem türkischen Arbeitskollegen. Er war Muslim. Er hat mir erzählt, dass sein kleiner Sohn sehr krank sei. Dies bedrückte ihn oftmals. Er wirkte traurig. Eines Tages erzählte er mir, dass er im Fernsehen einen Jesus – Film gesehen habe. Er war sehr begeistert davon. Er sagte mir, dass er unbedingt mehr von Jesus wissen wolle. Ich hätte eigentlich aus meiner Vergangenheit viel über Jesus gewusst. Doch ich war wie blockiert. Ich war nicht in der Lage, ihm viel hilfreiches weiterzugeben. Ich sagte sogar, ich glaube nicht mehr wirklich an ihn. Später habe ich diese Aussage zutiefst bereut. Ja, ich musste sogar feststellen, dass ich im Grunde genommen noch an ihn glaubte, obwohl ich das Gegenteil behauptete. In dieser Zeit machte ich auch einige Erfahrungen, die bei mir Ängste auslösten. Zum Beispiel wurden einige Kollegen und ich nachts im Ausgang von anderen Jugendlichen angegriffen. Oder ich wurde Zeuge von gehässigem Streit und Schlägereien in Restaurants, in denen ich mit Arbeitskollegen zusammen nach der Spätschicht einkehrte. Es gab auch am Arbeitsplatz Situationen, die mir zu schaffen machten. So wurde ich einmal von einem mir zugeteilten Mitarbeiter bedroht. All dies drückte auf mein inneres Wohlbefinden. Es wurde immer schwerer. Aber ich sagte niemandem etwas davon.
Die grosse Wende
Zwischen Weihnachten und Neujahr 1980/81 passierte bei mir etwas, das ich bis heute nicht wirklich erklären kann. Ich hatte so etwas wie ein inneres «Bild». Dieses war sehr negativ und erschreckend. Es löste bei mir Panik aus. Wie gewohnt, erzählte ich zu dieser Zeit niemandem etwas davon, was in mir drinnen abging. Das «Bild» geschah während einer Heimfahrt aus den Skiferien. Ein Kollege und ich assen in einem Restaurant zu Mittag. Mich packten plötzlich Angstgedanken. Das Wort Panikattacke kannte ich damals noch nicht. Doch ich würde sagen, das war so etwas in dieser Art. Ich hatte Angst, aus dem Parkplatz, welcher in eine ziemlich unübersichtliche Strasse mündete, herauszufahren. Ich war sicher, dass es zu einem Autounfall kommen würde, beim herausfahren aus diesem Parkplatz. Woher diese Zwangsgedanken kamen, wusste ich nicht. Es war einfach so. Zum Glück traf dann nichts von meinen Befürchtungen ein. Wir kamen sicher nach Hause. Aber zu Hause angekommen, fühlte ich mich erschöpft und ausgebrannt. Diese Angst, die mich so plötzlich überfallen hatte, beschäftigte und lähmte mich. Am Abend blieb ich zu Hause. Ich weiss den Grund nicht mehr so genau, aber aus irgendwelchen gehässigen und destruktiven Bemerkungen meinerseits, bemerkte meine jüngere Schwester, dass mit mir etwas nicht stimmte.
An diesem Abend ging ich, gemessen an meinen Gewohnheiten, recht früh ins Bett. In mir drinnen war es schwer und es plagten mich negative Gefühle. Ich ärgerte mich über mich selbst, dass ich so dummes Zeug zu meiner Schwester gesagt habe. Ich war zutiefst unglücklich. Dieses unglücklich sein veränderte sich allmählich in eine grosse Sehnsucht. Einer Sehnsucht nach Veränderung. Eigentlich spürte ich, dass in mir drinnen immer noch einige Funken Glauben waren. Glauben, den ich in den vergangenen Jahren zugeschüttet habe mit vielem Sinnlosen. Nun sprach ich das Gebet meines Lebens. Dies lautete etwa so: Gott, ich glaube an dich und ich möchte ein neues Leben beginnen. Schlagartig kam in mir eine Freude auf, die ich als Erwachsener noch nie erlebt hatte. Ich wusste einfach sofort, dass ich von nun an wieder an Gott, seinen Sohn Jesus Christus und an den Heiligen Geist glaubte. Diese Freude spürte ich etwa 2-3 Stunden. Bis ich einschlief. Als ich nachts einmal erwachte, war sie immer noch da. Auch als ich am Morgen erwachte, war sie immer noch da. Als ich aufstand, traf ich meine Mutter in der Stube an. Sie las gerade in der Bibel. Ich unterbrach sie, um ihr zu sagen, dass ich nun auch wieder als Christ leben wolle. Mutter war von dieser Aussage so begeistert, dass sie nicht anders konnte als ihrer Freude mit Umarmungen, Jauchzen und Weinen Ausdruck geben konnte. Sofort erzählte sie es meiner Schwester und auch meinem Vater. Meine Schwester sagte, dass sie gestern gemerkt habe, dass es mir nicht gut gehe und sie die ganze Nacht immer wieder für mich gebetet habe.
Die Reaktion meines Vaters fiel etwas nüchterner aus. Er begann mit einiger Wehmut davon zu erzählen, wie er als junger Bursche von einem christlichen Prediger aus der Glaubensgemeinschaft bedrängt wurde. Um dem Missbrauch auszuweichen, habe er sich von dieser Glaubensgemeinschaft abgewendet. Später hat er einige Male wieder einen gewissen Zugang zum Glauben gefunden. Aber so richtig zugehörig fühlte er sich nie mehr. Ich spürte, dass mein Vater Angst hatte, dass ich in meinem neuen Glaubensanfang wieder enttäuscht werden könnte.
Für mich war es ab diesem Tag klar. Ich möchte wieder dazugehören. Dies betraf nicht nur mein persönlicher Glaube, sondern auch die Zugehörigkeit zur Glaubensgemeinschaft meiner Herkunftsfamilie. Ab sofort besuchte ich wieder die Zusammenkünfte der Freien Christengemeinde in Ebnat-Kappel. Dies war ja mein geistliches «Zuhause», bis ich mit 17 Jahren diese Gemeinschaft verliess. Ich wurde als «Rückkehrer» herzlich willkommen geheissen und wieder aufgenommen in die Gemeinschaft. Schnell hatte ich wieder Anschluss. Besonders an die Jugendgruppe.
Für meine Kollegenkreise, in denen ich mich in den vergangenen vier Jahren aufgehalten hatte, war ich vorerst wie von der Bildfläche verschwunden. Nur mit 2-3 von ihnen habe ich dann auch längerfristig mehr oder weniger Kontakt behalten. Dies muss begreiflicherweise seltsam gewirkt haben. Es war für mich auch schwierig, zu erklären, was bei mir in den letzten Wochen gerade so abgelaufen ist. Ich habe auch sofort aufgehört zu rauchen. Mein Lebensalltag sah von heute auf morgen völlig anders aus. Ich suchte auch im Thurgau, wo ich unter der Woche wohnte, eine Glaubensgemeinschaft auf. Diese gehörte ebenfalls zur Pfingstlichen Glaubensgemeinschaft der Freien Christengemeinde. Wenn es von der Arbeit her möglich war, besuchte ich in Weinfelden unter der Woche Bibel- und Gebetsstunden. So lernte ich auch in diesem Umfeld neue Menschen kennen. So bewegte ich mich an den Wochenenden im Umfeld meiner Glaubensgemeinschaft im Toggenburg. Und unter der Woche im Umfeld meiner Glaubensgemeinschaft im Thurgau.
Verliebt
In der Jugendgruppe der Freien Christengemeinde verliebte ich mich in eine junge Frau. Ich kannte Vreni schon aus der Zeit vor meinem 4-jährigen «Unterbruch» in der Glaubensgemeinschaft. Ich war mir anfänglich nicht sicher, ob ich bei ihr eine Chance haben würde. Trotz meiner grundsätzlichen Offenheit, war ich dem weiblichen Geschlecht gegenüber stets recht scheu und zurückhaltend. Doch es ergab sich eine Gelegenheit, mit Vreni allein zu sein. Meine jüngere Schwester lud meine «heimliche Liebe» nämlich nach dem Sonntagsgottesdienst zu uns auf den Schönenberg zum Mittagessen ein. Es war Anfang Januar und es lag viel Schnee. Vreni liess ihr Auto im Dorf stehen und fuhr in meinem Auto mit mir und der Schwester zusammen auf den Schönenberg zu uns nach Hause. Am Abend war es dann meine schöne Aufgabe, Vreni wieder zurück zu ihrem Auto zu fahren. Sie stieg nicht sofort aus. Es schien, dass sie noch genügend Zeit hatte, um über alles Mögliche mit mir zu plaudern. Irgendwann ging uns dann der Gesprächsstoff aus. Es entstand eine längere Stille. Nun musste ich mich einfach getrauen! Die Spannung war unbeschreiblich gross! Ich überlegte, was ich denn jetzt sagen sollte. Schliesslich fragte ich sie, ob sie gemerkt habe, dass ich für sie Gefühle habe. Ich wusste nicht, wie diese unbeholfene Frage bei ihr ankommen würde. Doch sie sagte ganz ruhig, dass sie dies gemerkt habe und dass Gott ihr schon vor einiger Zeit gezeigt habe, dass ich ihr Mann werden würde. Ich war schlicht und einfach baff! So eine Antwort hatte ich nicht in dieser Deutlichkeit erwartet. Wie dieser Abend nachher ganz genau verlaufen ist, möchte ich an dieser Stelle nicht im Detail ausführen. Aber ich spürte in mir dieselbe Freude und Überwältigung der Gefühle, wie an dem Abend, als ich mich wieder neu dem Glauben an Gott zuwandte.
Vreni und ich verlobten uns im selben Jahr am 31. Mai. Am 14. August 1982 heirateten wir. Für viele unserer lieben Mitmenschen ging dies schon etwas gar schnell. Ich habe heute grosses Verständnis dafür. Acht Monate, um sich kennen zu lernen und den Bund fürs Leben zu schliessen, sind schon etwas eine kurze Zeit. Doch wir waren erstens so verliebt und zweitens so sicher, dass dies richtig ist, dass wir uns nicht aufhalten liessen. Für uns passte einfach alles zusammen. Vielleicht haben wir auch das eine oder andere als «Führung von oben» angesehen, welches wir eventuell heute nicht mehr unbedingt so nennen würden. Wie auch immer: wir gaben Vollgas, wir waren glücklich und verliebt. Kritik, oder Ermahnung zu etwas mehr Bedachtheit und Langsamkeit kam bei uns nicht an.
Wie unser Leben als Paar und als Familie weiterhin verlaufen ist, werde ich später dieser Biografie noch hinzufügen. Wann? – Ich weiss es noch nicht so genau. Dies wird schrittweise geschehen. Aber ich werde darauf zurückkommen.